Medizinisches Cannabis wird in Deutschland seit 2017 auf Rezept verordnet – auch und gerade bei psychischen Erkrankungen wie Depression, Angst und posttraumatischer Belastungsstörung. Die größte je durchgeführte Analyse zu dieser Frage liefert nun eine ernüchternde Antwort: Für keine dieser Indikationen gibt es überzeugende Belege, dass Medizinalcannabis tatsächlich hilft. Die Meta-Analyse, veröffentlicht im Fachjournal Lancet Psychiatry im März 2026, wurde von Forschenden der Universität Sydney geleitet [1].
49 Studien, 6.700 Patienten – was die Analyse zeigt
Die Forschenden werteten 49 randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 6.700 Teilnehmenden aus – die bislang umfangreichste systematische Übersicht zu Medizinalcannabis und psychischen Störungen [1]. Das Ergebnis: Kein überzeugender Wirksamkeitsnachweis für Depression, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörung, Psychosen oder bipolare Störungen. Bei Psychosen und bipolaren Störungen zeigten einzelne Studien sogar Hinweise auf eine Verschlechterung durch Cannabis.
Diese Befunde stehen im Widerspruch zur verbreiteten Selbstwahrnehmung vieler Patientinnen und Patienten, die berichten, durch Cannabis weniger Angst oder besseren Schlaf zu erleben. Die Autoren erklären das mit Placebo-Effekten und der kurzfristig entspannenden Wirkung von Tetrahydrocannabinol (THC) – diese verändert das subjektive Erleben, ohne die zugrundeliegende psychische Erkrankung zu behandeln [1].
Welche Behandlungen die Evidenz stützt
Für Depression und Angststörungen sind kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und zugelassene Antidepressiva die Verfahren mit dem stärksten Wirksamkeitsnachweis. Bei PTBS gilt EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) als evidenzbasierte Erstlinientherapie. Die australischen Forscher betonen, dass die Popularität von Medizinalcannabis den Zugang zu wirksameren Therapien verzögern kann, wenn Patienten die Verordnung als gleichwertige Alternative wahrnehmen [1].
Unabhängig von der Studie gilt bei Schmerz-Indikationen weiterhin eine andere Datenlage: Für chronische Schmerzen existieren moderate Belege für einen analgetischen Effekt von Cannabinoiden. Die Sydney-Meta-Analyse macht dazu keine Aussage – ihr Fokus liegt ausschließlich auf psychischen Erkrankungen [2].
Quellen
[1] Universität Sydney. „No evidence to suggest medicinal cannabis is effective for depression, anxiety, PTSD.“ Lancet Psychiatry, März 2026. sydney.edu.au
[2] ScienceDaily. „Medicinal cannabis not effective for mental health disorders.“ März 2026. sciencedaily.com
