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March 29, 2026
Im September 2025 hat die European Glaucoma Society (EGS) die 6. Ausgabe ihrer maßgeblichen Leitlinien veröffentlicht – ein Update, das die Behandlungsstrategien für Millionen Betroffene weltweit beeinflusst. Die wichtigste Neuerung: Die selektive Lasertrabekuloplastik (SLT) wird explizit als gleichwertige Erstlinientherapie gegenüber Augentropfen empfohlen. Für die rund 900.000 Glaukompatientinnen und -patienten in Deutschland – von denen schätzungsweise 80 Prozent noch nicht diagnostiziert sind – ändert sich damit die Behandlungslandschaft spürbar.
Das Glaukom – im Volksmund Grüner Star – ist eine Gruppe chronischer Augenerkrankungen, die den Sehnerv progressiv schädigen. Es ist weltweit die häufigste Ursache für irreversiblen Sehverlust und Erblindung. In Deutschland sind rund 900.000 Menschen betroffen; die EGS schätzt, dass bis zu 80 Prozent noch keine Diagnose erhalten haben – weil die Erkrankung lange symptomlos verläuft.
Der entscheidende Krankheitsmechanismus: Ein erhöhter Augeninnendruck (>21 mmHg) schädigt die Ganglienzellen der Netzhaut und deren Axone (den Sehnerv). Das Gesichtsfeld schwindet langsam vom Rand her – bis im zentralen Bereich messbare Ausfälle auftreten, ist meist bereits ein Drittel der Sehnervfasern unwiederbringlich verloren.
Formen des Glaukoms:
Die im September 2025 veröffentlichte 6. Auflage der EGS-Terminology and Guidelines for Glaucoma enthält mehrere praxisrelevante Aktualisierungen [1]:
SLT als Erstlinientherapie anerkannt: Die LiGHT-Studie hatte bereits 2018 belegt, dass die selektive Lasertrabekuloplastik in der initialen Therapie des Offenwinkelglaukoms gleichwertig oder überlegen gegenüber Prostaglandin-Augentropfen ist – bei besserem Lebensqualitätsprofil. Die neuen EGS-Leitlinien verankern dies als offizielle Empfehlung. Vorteil der SLT: keine täglichen Tropfen, damit auch kein Risiko für mangelnde Therapietreue (ein zentrales Problem in der Glaukomtherapie), keine systemischen Nebenwirkungen.
Niedrigere Druckziele bei fortgeschrittenem Glaukom: Die Leitlinie betont, dass ein Zieldruck von knapp unter 21 mmHg bei fortgeschrittenem Glaukom unzureichend ist. Individuelle Zieldrücke im niedrigen Teenager-Bereich (mmHg) sind notwendig, um die Progression zu stoppen.
Patientenperspektive ausgebaut: Erstmals enthält die 6. Ausgabe direkten Input von Patientenberatenden – darunter acht konkrete Tipps für Augenärzte zur Kommunikation mit Betroffenen. Denn bis zu 50 Prozent der Glaukompatienten nehmen ihre Augentropfen nicht regelmäßig an – aus Vergessen, Nebenwirkungen oder Praktikabilitätsgründen.
Neben Laser und Medikamenten hat sich in den letzten zehn Jahren die minimalinvasive Glaukomchirurgie (MIGS) etabliert. Diese Eingriffe können bei geeigneten Patienten mit frühem bis mittlerem Glaukom – häufig kombiniert mit Kataraktoperation – die Drucksenkung langfristig verbessern oder den Medikamentenbedarf reduzieren.
Das Deutsche Ärzteblatt fasste im Januar 2025 den aktuellen Stand der MIGS-Verfahren zusammen [2]:
In deutschen Kliniken machen MIGS-Operationen inzwischen einen wachsenden Anteil der Glaukomeingriffe aus. Die EGS-Leitlinien 2025 sehen MIGS als etablierte Alternative für frühe bis moderate Glaukome.
An der Universitätsmedizin Göttingen läuft seit Juli 2023 die DFG-geförderte VIRON-Studie (Fördervolumen: 1,5 Millionen Euro über drei Jahre). Untersucht wird eine neuartige Behandlungsmethode: Die transkorneale Elektrostimulation (TES) leitet kleine Stromimpulse über die Hornhaut in das Auge, um Ganglienzellen zu stimulieren und deren Absterben zu verlangsamen. Die Mainzer Universitätsmedizin erforscht parallel ebenfalls TES-Verfahren zur Behandlung von Gesichtsfelddefekten.
Hintergrund: Alle bisherigen Glaukomtherapien senken den Augeninnendruck – sie schützen aber nicht direkt die bereits geschädigten Nervenzellen. Neuroprotektiva, die den Sehnerv unabhängig vom Druck schützen, gelten als einer der vielversprechendsten Forschungsansätze der kommenden Jahre.
Die Glaukomdiagnostik umfasst mehrere Methoden:
Glaukom-Screening-Empfehlungen:
Die GKV übernimmt den Glaukom-Früherkennungstest aktuell nicht als Kassenleistung – eine Eigenleistung von 20–40 Euro ist jedoch angesichts der Irreversibilität von Sehverlust eine sinnvolle Investition.
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Falls SLT oder MIGS nicht in Frage kommen, bleiben Augentropfen der Standard. Prostaglandin-Analoga (Latanoprost, Travoprost, Bimatoprost, Tafluprost) senken den Augeninnendruck um 25–35 Prozent und werden als Erstlinie empfohlen. Neu seit 2024 ist das Generikum Tafluprost/Timolol als Kombination. Bei unzureichender Kontrolle kommen Carboanhydrase-Hemmer (Dorzolamid, Brinzolamid), Beta-Blocker (Timolol) oder der ROCK-Hemmer Netarsudil hinzu. Netarsudil (Rhopressa) wirkt über einen neuen Mechanismus – Hemmung der Rho-Kinase – und ist besonders bei niedrigen Ausgangsdrücken wirksam, da er den uveoskleralen Abfluss verbessert, ohne den Ziliarmuskel zu beeinflussen.
Quellen:
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