Studie
Von Redaktion

Gender Heart Gap: Warum Frauen schlechter bei Herzinfarkten versorgt werden

Gender Heart Gap 2026: Frauen sterben 2× häufiger an Herzinfarkten. Atypische Symptome, schlechtere Versorgung – was Frauen wissen und tun sollten.

Am 8. März 2026 rückte die Deutsche Herzstiftung gemeinsam mit dem Fitnessunternehmen FitX den sogenannten "Gender Heart Gap" in den Mittelpunkt. Die Botschaft: Frauen sterben in Deutschland fast doppelt so häufig an den Folgen eines Herzinfarkts wie Männer – und das, obwohl Herzerkrankungen auch bei Frauen die häufigste Todesursache sind.

Mehr als jede zweite Frau fühlt sich laut Befragungen beim Arztbesuch mit Herzbeschwerden nicht ernst genommen. Das hat medizinische Konsequenzen: Frauen bekommen seltener eine leitliniengerechte Behandlung – weniger Aspirin, weniger Schmerzmedikamente, weniger Herzkatheter-Untersuchungen.

Herzinfarkt bei Frauen: Andere Symptome, spätere Diagnose

Das Bild des Herzinfarkts – plötzlicher Schmerz in der linken Brust, der in den Arm ausstrahlt – ist vor allem auf Männern zugeschnitten. Bei Frauen äußert sich ein Herzinfarkt häufig anders:

  • Übelkeit, Erbrechen oder Bauchschmerzen
  • Extreme Erschöpfung, die Tage vor dem Infarkt beginnt
  • Atemnot ohne deutliche Brustschmerzen
  • Schmerzen im Rücken, Kiefer oder Nacken
  • Kalter Schweiß und Schwindel

Diese Symptome werden oft als Magen-Darm-Problem oder Erschöpfung fehlgedeutet – sowohl von den Betroffenen selbst als auch von medizinischem Fachpersonal. Das kostet wertvolle Zeit.

"Jede Minute zählt beim Herzinfarkt – die Diagnose muss schneller kommen, und das gilt für Frauen besonders", sagte Prof. Birgit Piepoli vom Kompetenznetz Herzinsuffizienz anlässlich des #GoRed-Aktionstags am 6. Februar 2026.

Fünf Risikofaktoren erklären den Großteil der Fälle

Ein Grundproblem des Gender Heart Gap liegt in der Forschung selbst. Klinische Studien zu Herzerkrankungen wurden jahrzehntelang überwiegend an männlichen Probanden durchgeführt. Die Leithlinien, die daraus entstanden, sind auf Männer kalibriert.

Dennoch sind die wesentlichen Risikofaktoren für beide Geschlechter bekannt. Laut aktueller ESC-Leitlinie (European Society of Cardiology) erklären vor allem fünf Faktoren das kardiovaskuläre Risiko:

  1. Bluthochdruck – der wichtigste einzelne Risikofaktor
  2. Erhöhter LDL-Cholesterinspiegel
  3. Rauchen
  4. Diabetes mellitus Typ 2 (bei Frauen erhöht es das Herzrisiko stärker als bei Männern)
  5. Übergewicht und Bewegungsmangel

Für Frauen gibt es zusätzliche geschlechtsspezifische Risikofaktoren, die in klassischen Risikokalkulatoren lange nicht berücksichtigt wurden:

  • Schwangerschaftsdiabetes: Erhöht das spätere Typ-2-Diabetes-Risiko erheblich und damit indirekt das Herzrisiko.
  • Präeklampsie: Frauen mit Bluthochdruck in der Schwangerschaft haben ein zwei- bis vierfach erhöhtes Herzerkrankungsrisiko im späteren Leben.
  • Frühzeitige Menopause (vor 40): Assoziiert mit erhöhtem Herzinfarktrisiko.
  • Autoimmunerkrankungen wie Lupus oder Rheumatoide Arthritis treffen Frauen häufiger und erhöhen das kardiovaskuläre Risiko.

Schlechter versorgt: Was die Daten zeigen

Eine Analyse des Wissenschaftsportals herzmedizin.de fasst aktuelle Befunde zur Versorgungsqualität zusammen: Bei Frauen, die mit Herzinfarkt eingeliefert werden, wird seltener innerhalb der empfohlenen 90 Minuten ein Herzkatheter eingeführt (Door-to-Balloon-Zeit). Sie erhalten seltener Betablocker und Statine bei Entlassung. Die 30-Tage-Sterblichkeit nach Herzinfarkt ist bei Frauen fast dreimal so hoch wie bei Männern – nach fünf Jahren immer noch doppelt so hoch.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) reagiert: Im Wissenschaftsjahr 2026 werden insgesamt 43 Forschungsprojekte mit rund 5,7 Millionen Euro gefördert, um den Gender Data Gap in der Medizin zu schließen. Schwerpunkte sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebstherapien und psychische Gesundheit.

Prävention: Was Frauen jetzt tun können

Gynäkologie, Kardiologie und Allgemeinmedizin sollten enger zusammenarbeiten, um Risiken früher zu erkennen – das ist die Hauptforderung aktueller Fachgesellschaften. Doch auch Frauen selbst können aktiv werden:

  • Blutdruck regelmäßig messen – ab 18 Jahren mindestens alle zwei Jahre
  • Cholesterin beim Check-up prüfen lassen – kostenlos ab 35 Jahren (Check-up 35 bei der GKV)
  • Schwangerschaftskomplikationen dokumentieren und dem Hausarzt mitteilen (Präeklampsie, Gestationsdiabetes)
  • Nicht rauchen – das Herzinfarktrisiko bei Raucherinnen steigt überproportional mit Einnahme hormoneller Verhütungsmittel
  • Auf atypische Symptome achten – Erschöpfung, Übelkeit und Rückenschmerzen können Herzwarnsignale sein

Im Notfall gilt: Bei Verdacht auf Herzinfarkt sofort den Notruf 112 wählen – nicht abwarten, nicht selbst fahren.

Neue Leitlinien fordern mehr Gleichberechtigung

Die European Society of Cardiology (ESC) hat in ihren 2023 aktualisierten Leitlinien zur kardiovaskulären Prävention explizit geschlechtsspezifische Risikofaktoren aufgenommen. Das ist ein Fortschritt – aber die Umsetzung in der Praxis braucht Zeit.

Eine konkrete Forderung der Deutschen Herzstiftung: Gynäkologinnen und Gynäkologen sollen routinemäßig kardiovaskuläre Risikofaktoren ansprechen – etwa bei der jährlichen Krebsvorsorge. Denn viele Frauen haben keinen regelmäßigen Kontakt zum Hausarzt, gehen aber zuverlässig zur Frauenärztin. Diese Schnittstelle wird bisher kaum genutzt.

Parallel wächst das Angebot digitaler Herzgesundheits-Tools: Smartwatch-Apps können unregelmäßigen Herzrhythmus (Vorhofflimmern) erkennen, Blutdruck-Apps erleichtern regelmäßiges Monitoring. Die ESC betont, dass diese Tools ärztliche Kontrollen ergänzen, aber nicht ersetzen. Studien zeigen, dass Frauen digitale Gesundheitsangebote häufig aktiver nutzen als Männer – insbesondere wenn sie auf geschlechtsspezifische Risiken eingehen und praxisnahe Handlungsempfehlungen bieten. Hier liegt eine Chance, den Gender Heart Gap durch Prävention zu verkleinern.

Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt Frauen ab 40, beim Hausarzt aktiv nach einem kardiovaskulären Risiko-Check zu fragen – auch wenn keine klassischen Symptome bestehen. Passende Gesundheits-Apps und digitale Angebote zur Herzgesundheit findest du auf bestes.com/services.

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