Fast jeder Deutsche kennt das Phänomen: Im Frühjahr fühlen sich viele schlapp, müde und antriebslos. Die sogenannte „Frühjahrsmudigkeit" gilt hierzulande als volkstümlich anerkanntes Leiden – doch eine neue Studie zeigt: Wissenschaftliche Belege dafür gibt es nicht.[1] Forscher der Universität Basel und des Inselspitals Bern kommen zum Schluss, dass Frühjahrsmudigkeit ein kultureller Mythos ist.

Was die Studie untersuchte

Die Studie wurde im Journal of Sleep Research veröffentlicht. 418 Erwachsene wurden ab April 2024 über ein volles Jahr alle sechs Wochen befragt – zu Schlafqualität, Tagesmüdigkeit, Erschöpfung und allgemeinem Wohlbefinden.[1] Das Ergebnis war eindeutig: Im Frühjahr gab es weder mehr Müdigkeit noch schlechtere Schlafqualität als zu anderen Jahreszeiten. Interessanterweise glaubte trotzdem fast die Hälfte der Teilnehmenden subjektiv, von Frühjahrsmudigkeit betroffen zu sein – obwohl die Messwerte kein saisonales Muster zeigten.

Der Nocebo-Effekt: Erwartung erzeugt Wahrnehmung

Die Forscher sehen den Nocebo-Effekt als Hauptursache: Wenn man eine negative Erfahrung erwartet, nimmt man sie mit höherer Wahrscheinlichkeit auch wahr. „Der Begriff Frühjahrsmudigkeit ist so fest in der deutschen Sprache verankert, dass er Menschen geradezu dazu einlädt, im Frühjahr auf Müdigkeit zu achten", so die Studienautoren.[2] Im englischsprachigen Raum kennt man kein Äquivalent – dort spricht man vom „spring fever", einem Frühlingsgefühl mit erhöhter Energie.

Was wirklich hinter Frühjahrs-Müdigkeit stecken kann

Wer sich im Frühjahr dauerhaft erschöpft fühlt, sollte folgende medizinische Ursachen ärztlich ausschließen lassen: Eisenmangel (häufigste Mangelerkrankung in Deutschland, besonders bei Frauen), Vitamin-D-Mangel nach dem Winter, Schilddrüsenunterfunktion, saisonale Allergien oder eine depressive Episode.[2] Ein einfacher Bluttest klärt die meisten Ursachen in Minuten. Hinzu kommt ein echter biologischer Stressor: Die Zeitumstellung auf Sommerzeit kostet Menschen im Schnitt 40 bis 50 Minuten Schlaf pro Nacht in der ersten Woche – mit messbaren Auswirkungen auf Herzinfarktrate und Unfallhäufigkeit.

Was tatsächlich gegen Erschöpfung hilft

Viele der im Frühjahr beworbenen Vitaminpräparate und „Entschlackungskuren" haben keine nachgewiesene Wirkung auf Müdigkeit. Was hingegen wissenschaftlich belegt ist: Regelmäßige Bewegung steigert die Energie nachhaltig – bereits 30 Minuten moderates Gehen dreimal pro Woche verbessern Stimmung, Schlafqualität und Energieniveau messbar.[1] Wer im April müde ist, sollte Schlaf priorisieren: feste Schlafzeiten auch am Wochenende, dunkles Schlafzimmer, Bildschirmverzicht 60 Minuten vor dem Schlafengehen.

Ab wann zum Arzt?

Wenn Erschöpfung länger als zwei bis vier Wochen anhält und sich trotz ausreichend Schlaf und Bewegung nicht bessert, ist ein Arztbesuch sinnvoll.[2] Der Hausarzt kann mit einem Blutbild Eisenmangel, Vitamin-D-Mangel und Schilddrüsenunterfunktion schnell ausschließen – und bei Bedarf weiterverweisen. Anhaltende Müdigkeit sollte nicht als saisonales Phänomen abgetan werden.


Tipp: Mit dem Bestes Symptom-Checker kannst du anhaltende Erschöpfung einordnen und herausfinden, ob ein Arztbesuch sinnvoll ist.

Quellen:
[1] Universität Basel / Inselspital Bern. Journal of Sleep Research. März 2026. scinexx.de
[2] Pharmazeutische Zeitung. März 2026. pharmazeutische-zeitung.de