Depressionen betreffen in der Europäischen Union schätzungsweise 40 Millionen Menschen – dennoch sind die Mechanismen hinter schweren, behandlungsresistenten Formen bis heute nur unzureichend verstanden. Ein neues europäisches Forschungskonsortium will das ändern: PEARLDIVER, gefördert durch die Innovative Medicines Initiative (IMI) und die EU, hat Anfang 2026 offiziell seine Arbeit aufgenommen [1].

Was ist PEARLDIVER und was soll es erreichen?

PEARLDIVER steht für "Platform for European Real-World Data for Drug Development and Repurposing in Major Depressive Disorder and Comorbid Anxiety". Das Konsortium baut eine transnationale Plattform auf, die Real-World-Daten zu schwerer Depression und Angststörungen aus mehr als einem Dutzend europäischer Länder zusammenführt [1]. Ziel ist es, Versorgungslücken zu identifizieren, neue Biomarker zu finden und bestehende Medikamente für bisher therapieresistente Patienten neu zu erproben.

Bisherige Depressionsforschung war jahrzehntelang fragmentiert: Unterschiedliche Diagnose-Codes (ICD-10 vs. DSM-5), divergierende Behandlungsstandards und nationale Datenschutzgesetze machten länderübergreifende Analysen nahezu unmöglich. PEARLDIVER harmonisiert erstmals diese Datenbasis auf europäischer Ebene [2].

Datenschutz durch Federated Learning

Ein technisches Alleinstellungsmerkmal des Projekts: Die Patientendaten verlassen nie das jeweilige Land. Stattdessen werden die Analysen lokal durchgeführt – nur die Ergebnisse fließen in einer zentralen Infrastruktur zusammen. Dieses Modell, bekannt als "Federated Learning", gilt als Goldstandard für DSGVO-konforme multinationale Gesundheitsforschung. Rohdaten bleiben vollständig unter nationaler Kontrolle [1].

Wer profitiert – und wann?

Besonders wichtig: PEARLDIVER schließt Bevölkerungsgruppen ein, die in klassischen klinischen Studien regelmäßig fehlen – ältere Menschen, Schwangere, Multimorbide und Patienten mit gleichzeitiger Angststörung. Diese Gruppen sind häufig von schwerer Depression betroffen, aber in randomisierten Kontrollstudien aus Sicherheitsgründen ausgeschlossen. Real-World-Daten aus der Versorgungspraxis können diese Lücke schließen.

Erste wissenschaftliche Ergebnisse werden nicht vor 2027/28 erwartet. Das Konsortium plant, die gewonnenen Erkenntnisse in neue klinische Studienprogramme zu überführen – mit dem Ziel, Medikamente zu identifizieren, die bei treatment-resistenter Depression wirksam sind [2].

Bedeutung für Deutschland

Deutschland gehört zu den teilnehmenden Ländern. Schwere Depressionen sind hierzulande die häufigste Ursache für Frühberentungen und verlorene Arbeitsjahre. Laut Robert Koch Institut (RKI) erfüllen rund 8,1 Prozent der Erwachsenen in Deutschland die Kriterien einer Depression – Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Gleichzeitig erreichen viele Patienten mit gängigen Antidepressiva keine ausreichende Remission. PEARLDIVER könnte mithelfen, diese therapeutische Lücke systematisch zu schließen.

Häufige Fragen

Kann ich an PEARLDIVER teilnehmen? Nicht direkt. Das Konsortium wertet anonymisierte Daten aus bestehenden Gesundheitsregistern und Krankenhaussystemen aus. Wer als Patient in nationalen Registern erfasst ist, leistet indirekt einen Beitrag.

Wann kommen erste Ergebnisse? Frühestens 2027/28 – das Projekt hat eine Laufzeit von mehreren Jahren und folgt strengen wissenschaftlichen Standards.


Quellen:
[1] CORDIS – EU Research Results. "PEARLDIVER." Projekt-ID 101057017. https://cordis.europa.eu/project/id/101057017
[2] European Brain Research Area (EBRA). https://www.theebra.eu/