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Neue Endometriose-Leitlinie 2025: Multimodal statt operieren

March 29, 2026

Rund 2 Millionen Frauen in Deutschland leiden an Endometriose – und warten im Schnitt sechs bis zehn Jahre auf eine Diagnose. Jetzt gibt es erstmals seit 2020 eine aktualisierte Behandlungsleitlinie, die den Stand der Wissenschaft neu bewertet. Am 16. Juni 2025 wurde die überarbeitete S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Endometriose veröffentlicht – und sie sendet klare Signale: Weniger Operation, mehr multimodaler Therapieansatz [1]. ## Was ist Endometriose? Bei Endometriose wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter – an Eierstöcken, Eileitern, Blase oder Darm. Wie die Gebärmutterschleimhaut reagiert es auf Hormone: Es baut sich auf, blutet ab und verursacht dabei starke Schmerzen, besonders während der Menstruation. Hinzu kommen Symptome wie chronische Unterleibsschmerzen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und häufig unerfüllter Kinderwunsch. Die Erkrankung betrifft nach Schätzungen der Endometriose-Vereinigung Deutschland bis zu 10 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter. Trotz dieser Häufigkeit vergehen im Schnitt neun Jahre zwischen ersten Symptomen und gesicherter Diagnose – oft weil Schmerzen als "normal" abgetan werden [2]. ## Die wichtigsten Änderungen in der neuen Leitlinie Die S2k-Leitlinie 2025 unterscheidet sich in mehreren Punkten grundlegend von ihrer Vorgängerversion: **Multimodales Konzept als Standard:** Künftig wird ausdrücklich empfohlen, Endometriose nicht nur medikamentös oder operativ zu behandeln, sondern einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen: Physiotherapie des Beckenbodens, psychologische Begleitung und Stressmanagement gehören fortan zur regulären Therapieempfehlung [1]. **Weniger pauschal operieren:** Statt generell zu operieren, soll die Operationsindikation individuell gestellt werden. Besonders bei tief infiltrierender Endometriose oder Darmbeteiligung empfiehlt die Leitlinie ausdrücklich spezialisierte Endometriose-Zentren, die eine höhere operative Kompetenz und bessere Langzeitergebnisse nachweisen [1]. **Ernährung und Immunsystem:** Erstmals berücksichtigt die Leitlinie systematisch den Einfluss von Ernährung und Immunsystem. Der BMBF-geförderte HoPE-Verbund (Koordination: Universität Münster) untersucht seit 2024, wie entzündliche Prozesse durch angepasste Ernährung moduliert werden können – mit ersten Ergebnissen, die eine anti-inflammatorische Diät begünstigen [3]. ## Neue Erkenntnisse: Cholesterin als Risikofaktor? Eine Schlüsselstudie vom 8. Januar 2026 im *International Journal of Women's Health* überraschte die Fachgemeinschaft: Erhöhte Werte von sogenanntem Remnant-Cholesterin – einem Lipid-Marker, der auch kardiovaskuläre Risiken anzeigt – stehen in direktem Zusammenhang mit einem höheren Endometriose-Risiko [4]. Die Autoren der Studie schlussfolgern, dass Endometriose möglicherweise stärker als bisher angenommen mit Stoffwechselprozessen zusammenhängt – was neue therapeutische Angriffspunkte eröffnen könnte. Ebenfalls im Fokus: ein KI-gestütztes nicht-invasives Ultraschallmodell des EndoKI-Projekts, das die Diagnosezeit drastisch verkürzen soll. Derzeit dauert die histologische Sicherung oft eine Operation – das Modell soll künftig per Ultraschall ohne Biopsie eine valide Diagnose ermöglichen [3]. ## Was die Diagnose so schwer macht Endometriose zu diagnostizieren bleibt eine Herausforderung: Blutmarker wie CA-125 sind unspezifisch, Ultraschall erkennt nur bestimmte Formen zuverlässig, und die definitive Diagnose erfordert traditionell eine Bauchspiegelung mit Gewebeprobe. Genau hier setzt der ENDOFERT-Verbund an: Er entwickelt nicht-invasive Diagnosemethoden – von verbesserten Biomarkern bis hin zu Multiomics-Ansätzen, die Genexpression, Proteom und Mikrobiom gemeinsam auswerten [3]. ## Schmerz als eigenständiges Forschungsfeld Der StEPP-UPP-Verbund unter Professorin Esther Pogatzki-Zahn (Universität Münster) erforscht die neurobiologischen Mechanismen des Endometriose-Schmerzes – eine lange vernachlässigte Dimension. Chronische Schmerzen verändern das Nervensystem dauerhaft; deshalb helfen rein hormonelle oder operative Maßnahmen nicht immer. Multimodale Schmerztherapie, wie sie die neue Leitlinie fordert, berücksichtigt genau diese Neuroplastizität [3]. ## Was Betroffene jetzt tun können Die neue Leitlinie stärkt die Position der Patientinnen: Sie können von ihrem Arzt eine individuelle Therapieplanung einfordern – nicht mehr nur Hormone oder OP, sondern einen strukturierten multimodalen Plan. Bei schwerer oder rezidivierender Endometriose sollte die Behandlung in einem zertifizierten Endometriose-Zentrum stattfinden (Liste unter endometriose-vereinigung.de). Für die Zeit zwischen Arztbesuchen können Apps zur Symptomverfolgung helfen: Sie dokumentieren Schmerzmuster, Zyklusdaten und Medikamentenwirkung – wertvolle Daten für das Arztgespräch. Auf [bestes.com](https://bestes.com) finden Betroffene geprüfte Gesundheitsangebote und Apps rund um Frauengesundheit. ## Ausblick Die Endometriose-Forschung steht an einem Wendepunkt. Mit dem BMBF-Förderprogramm ab 2024, den neuen Forschungsverbünden und der aktualisierten Leitlinie rückt eine Erkrankung ins Zentrum, die zu lange als "Frauenleiden" marginalisiert wurde. Bis nicht-invasive Diagnosen und zielgerichtete Therapien Routine sind, dürften noch einige Jahre vergehen – doch die Richtung stimmt. **Quellen:** [1] Frauengesundheitsportal / Endometriose-Vereinigung: S2k-Leitlinie 2025 (veröffentlicht 16.06.2025) [2] Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.: Epidemiologie und Diagnoseverzögerung [3] BMBF: Förderbekanntmachung Endometriose-Forschungsverbünde, ab September 2024 [4] International Journal of Women's Health, Januar 2026: Remnant-Cholesterin und Endometriose-Risiko ## Häufige Fragen zur Endometriose-Diagnose **Wie bekomme ich Zugang zu einem Endometriose-Zentrum?** Ihr Gynäkologe kann Sie in ein zertifiziertes Endometriose-Zentrum überweisen. Eine Liste zertifizierter Zentren finden Sie auf der Website der Endometriose-Vereinigung Deutschland (endometriose-vereinigung.de) sowie der Deutschen Endometriose-Liga. **Ist Endometriose heilbar?** Eine vollständige Heilung ist derzeit nicht möglich, aber die Erkrankung ist sehr gut behandelbar. Multimodale Therapie – Medikamente, Operation bei Bedarf, Physiotherapie und psychologische Unterstützung – kann Schmerzen erheblich reduzieren und die Lebensqualität deutlich verbessern. **Beeinträchtigt Endometriose die Fruchtbarkeit?** In 30–50 Prozent der Fälle ja – besonders bei schwerer Endometriose. Allerdings werden auch mit Endometriose viele Schwangerschaften natürlich erreicht. Frühzeitige Diagnose und Therapie verbessern die Fertilisierungschancen erheblich. **Gibt es Selbsthilfe-Möglichkeiten?** Ja: Stressreduktion, anti-inflammatorische Ernährung (wenig rotes Fleisch, viel Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien) und moderates Ausdauertraining können Schmerzsymptome lindern. Diese Ansätze ersetzen keine ärztliche Therapie, können sie aber sinnvoll ergänzen.
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