Vom 21. bis 23. April 2026 treffen sich in Berlin rund 900 Aussteller, mehr als 20.000 Fachbesucher und knapp 500 Referenten auf der DMEA – Europas größtem Kongress und Messe für digitale Gesundheitsversorgung [1]. Das Themenspektrum reicht von Künstlicher Intelligenz im Krankenhaus über die elektronische Patientenakte bis zur sicheren Vernetzung von Arztpraxen, Krankenhäusern und Krankenkassen. Was dort verhandelt wird, beschreibt den Zustand und die Richtung der deutschen Gesundheitsdigitalisierung deutlicher als jede Statistik.
KI als Leitthema – und was das konkret bedeutet
Künstliche Intelligenz ist in diesem Jahr das dominierende Querschnittsthema der DMEA. Das ist kein Zufall: In kaum einem anderen Sektor ist der Abstand zwischen dem, was KI technisch leisten kann, und dem, was tatsächlich im Alltag ankommt, so groß wie im Gesundheitswesen. Dabei reichen die Anwendungsfelder von der Bildauswertung in der Radiologie bis zur automatisierten Dokumentation in Arztpraxen.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt das kurz vor der DMEA in Kraft getretene Lungenkrebs-Screening: Seit dem 1. April 2026 schreibt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) für dieses Programm erstmals eine KI-Software als Pflichtbestandteil vor – Radiologen müssen die CT-Bilder mit KI-Unterstützung befunden [2]. Es ist das erste nationale Früherkennungsprogramm in Deutschland, das KI als gesetzliche Mindestanforderung kennt. Auf der DMEA wird dieser Schritt als Modell diskutiert: Wo sonst in der Medizin könnte KI ähnlich verankert werden?
Zum Kongress-Programm gehören unter anderem Keynotes des KI-Arztes Justus Wolff sowie des Digital-Unternehmers Philipp Westermeyer [1]. Beide stehen für unterschiedliche Zugänge zur Frage, wie digitale Technologien sinnvoll in ein reguliertes, haftungsrechtlich komplexes System wie die Medizin integriert werden können.
Die elektronische Patientenakte: Mehr als ein digitaler Aktenordner
Ein zentrales Ausstellungsthema ist in diesem Jahr die elektronische Patientenakte (ePA), die seit Anfang 2025 schrittweise für alle gesetzlich Versicherten eingeführt wird. Die gematik – Betreiberin der Telematikinfrastruktur – präsentiert auf der DMEA konkrete Neuerungen: einen digitalen Medikationsplan, Push-Benachrichtigungen für Patienten, eine Volltextsuche innerhalb der eigenen Akte sowie die Möglichkeit, Gesundheitsdaten anonymisiert für die Forschung freizugeben [3].
Parallel dazu präsentiert die gematik die Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur zur TI 2.0. Der Unterschied zur bisherigen Version ist grundlegend: Statt wie bisher auf fest verbaute Hardware-Konnektoren zu setzen, arbeitet die TI 2.0 mit einem TI-Gateway und einer Zero-Trust-Sicherheitsarchitektur [3]. Das bedeutet: Jede Verbindung wird einzeln authentifiziert, kein Gerät gilt per se als vertrauenswürdig. Für Arztpraxen und Kliniken, die täglich mit hochsensiblen Daten arbeiten, ist das ein nennenswerter Sicherheitsgewinn.
Vernetzung als Voraussetzung – und Baustelle
Zu den Kernthemen der DMEA 2026 gehört auch die Frage, wie Akteure im Gesundheitswesen besser miteinander kommunizieren können. Bislang ist das System in Deutschland stark fragmentiert: Hausarztpraxis, Krankenhaus, Reha-Einrichtung und Krankenkasse nutzen oft inkompatible Systeme, und Patientendaten wandern im schlechtesten Fall als Faxkopie von einem Ort zum nächsten.
Das Stichwort lautet Interoperabilität – die technische Fähigkeit verschiedener Systeme, Daten verlässlich auszutauschen. Die gematik arbeitet dabei an standardisierten Schnittstellen und zeigt auf der DMEA, wie das Konzept MyHealth@EU einen grenzüberschreitenden Datenaustausch in der EU ermöglichen soll [3]. Wer als Patient etwa im Urlaub im EU-Ausland behandelt wird, könnte künftig darauf vertrauen, dass der behandelnde Arzt Zugriff auf die wichtigsten Gesundheitsdaten bekommt – wenn der Patient das möchte.
Für Hersteller digitaler Gesundheitsanwendungen ist diese Infrastrukturfrage entscheidend: Eine App, die nicht an die Systeme angebunden ist, die Ärzte und Krankenkassen täglich nutzen, bleibt ein Insellösungsangebot.
Politischer Rahmen: Bundesgesundheitsministerin eröffnet
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hält die Eröffnungskeynote der DMEA 2026 [1]. Das ist keine Formalität. Die DMEA ist traditionell ein Ort, an dem Gesundheitspolitik und Industrie aufeinandertreffen – mit unterschiedlichen Interessen, aber einem gemeinsamen Wissen darum, dass die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland hinter anderen europäischen Ländern zurückliegt.
Dänemark etwa hat eine vollständig digitalisierte Patientenakte seit über zwei Jahrzehnten. Estland führt 99 Prozent seiner Arztgespräche mit elektronischer Dokumentation durch. In Deutschland startete das ePA-Rollout erst 2025 – und ist noch längst nicht flächendeckend im Alltag angekommen. Diese Diskrepanz ist das implizite Thema vieler Kongressbeiträge auf der DMEA.
Was das für Patienten bedeutet
Für Menschen, die das Gesundheitswesen nutzen – also für praktisch alle – ist die DMEA auf den ersten Blick eine Branchenveranstaltung ohne direkten Bezug zum Alltag. Auf den zweiten Blick entscheidet sich dort, was in wenigen Jahren zur Selbstverständlichkeit wird: Welche Daten die eigene Krankenversicherung hat. Ob der Hausarzt bei der Verschreibung sieht, welche Medikamente der Kardiologe bereits verordnet hat. Ob eine App legal als Gesundheitsanwendung gilt und von der Kasse erstattet wird.
DiGA – Digitale Gesundheitsanwendungen – sind in Deutschland ein reguliertes Erstattungsmodell: Wer als Hersteller die Zulassungsanforderungen des BfArM erfüllt, kann die App auf Kassenkosten anbieten. Auf der DMEA diskutiert die Branche, wie dieses Modell weiterentwickelt werden könnte: Wie wird Wirksamkeit bei Apps nachgewiesen? Welche Rolle sollen KI-basierte Anwendungen künftig spielen? Und wie unterscheidet man Wellness-Apps von Medizinprodukten?
Die Preise gehen an Nachwuchs und Startups
Neben dem Kongress vergibt die DMEA 2026 zwei Awards: Den DMEA sparks Award für herausragende Bachelor- und Masterarbeiten im Bereich Digital Health sowie den DMEA nova Award für Startups, die innovative Lösungen im Gesundheitsbereich vorstellen [1]. Beide Auszeichnungen richten sich an Einsteiger in einem Sektor, in dem der Fachkräftemangel und der Generationswechsel in Praxen und Krankenhäusern zugleich Herausforderung und Chance sind.
Das signalisiert auch: Die DMEA ist nicht nur Leistungsschau, sondern Netzwerk – ein Ort, an dem sich entscheidet, wer in den nächsten Jahren die Standards setzt, die Produkte entwickelt und die Infrastruktur betreibt, auf der die Gesundheitsversorgung von Millionen Menschen läuft.
Quellen: [1] med-eng.de – DMEA 2026: Europas größtes Digital-Health-Event bringt Politik und Branche in Berlin zusammen (Feb. 2026) [2] G-BA Pressemitteilung – Beschluss Lungenkrebs-Screening mit KI-Anforderung (2026) [3] gematik – Die gematik auf der DMEA 2026 – Zukunft vernetzt sich (Apr. 2026)