Wer in Deutschland eine Gesundheits-App auf Rezept verschrieben bekommt, muss seit einiger Zeit damit rechnen: Die App könnte schon bald nicht mehr im DiGA-Verzeichnis stehen. Von einst rund 72 zugelassenen digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) sind bereits mehr als 15 wieder vom Markt verschwunden – manche nach wirtschaftlichem Scheitern, andere durch Übernahmen oder freiwilligen Rückzug[1]. Eine Konsolidierungswelle rollt durch den deutschen Markt für Apps auf Rezept, und sie hat gerade erst begonnen.

Wer gescheitert ist – und wie

Die prominentesten Fälle stehen für ein Strukturproblem, das den gesamten Markt betrifft. Das Hamburger Startup aidhere meldete 2023 Insolvenz an – damals der schwerste Einschlag im DiGA-Segment. aidhere hatte mit zanadio die meistgenutzte DiGA-Anwendung im Jahr 2022 betrieben, eine App zur Behandlung von Adipositas mit rund 28.000 aktivierten Codes[2]. Nach mehr als 18 Monaten Preisverhandlungen mit den Krankenkassen wurde der Erstattungsbetrag von 499 Euro auf 218 Euro halbiert – mehr als das Unternehmen verkraften konnte. Die Kontina-App aus dem aidhere-Portfolio übernahm anschließend der Arzneimittelhersteller APOGEPHA[2].

HiDoc Technologies, das Unternehmen hinter Cara Care – der ersten DiGA für Reizdarm –, geriet ebenfalls in eine Schieflage und wurde 2025 von Bayer übernommen[3]. Die App selbst blieb im Verzeichnis, wechselte aber die wirtschaftliche Trägerschaft. Newsenselab, Anbieter der Migräne-App M-sense Migräne, meldete bereits 2022 Insolvenz an und verschwand vollständig aus dem Verzeichnis[2]. Mika, eine App zur Unterstützung von Krebspatienten, entschied sich für einen anderen Weg: Das Unternehmen zog seine Anwendung freiwillig aus dem DiGA-Verzeichnis zurück und verkauft seitdem direkt an Pharmaunternehmen[1].

Warum so viele scheitern

Das Geschäftsmodell der DiGA ist strukturell fragil. Hersteller dürfen ihren Preis im ersten Jahr frei festlegen – viele kalkulierten dabei großzügig, um Entwicklungskosten zu decken und Wachstum zu finanzieren. Ab Monat 13 folgen dann Preisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband, die im Schnitt zu Preiskürzungen zwischen 50 und 60 Prozent führen[1]. Fast alle verhandelten Erstattungsbeträge clustern danach um den Wert von rund 200 Euro – unabhängig davon, für welche Erkrankung die App gedacht ist.

Hinzu kommt das Verordnungsvolumen. Im Jahr 2024 wurden rund 861.000 DiGA-Verordnungen ausgestellt, die Krankenkassen gaben dafür 234 Millionen Euro aus – ein Plus von 71 Prozent gegenüber 2023[4]. Klingt nach Wachstum. Der Haken: Die 15 meistgenutzten Anwendungen konzentrieren 82 Prozent aller Verordnungen auf sich[4]. Der Rest kämpft um einen kleinen Bruchteil des Marktes – zu Preisen, die nach Verhandlung kaum noch Marge lassen.

Übernahmen statt Pleiten: Die M&A-Welle

Nicht jede DiGA endet mit Insolvenz. Zunehmend greifen Pharmaunternehmen und Private-Equity-Investoren zu, bevor es soweit kommt – oder kurz danach. Selfapy, eine DiGA bei Depressionen und Angststörungen, wurde im März 2025 von Medice – The Health Family übernommen[5]. Sonormed, Anbieter der Tinnitus-App Tinnitracks, wechselte zu InfectoPharm[5]. Und Bayer sicherte sich mit Cara Care das erste DiGA-Asset eines Pharmakonzerns der ersten Reihe[3].

Das Muster hinter diesen Deals ist klar. Einzelne DiGA-Produkte lohnen sich kaum noch eigenständig zu betreiben – zu hoch sind die Kosten für Zertifizierung, Qualitätssicherung und Außendienst. Für Pharmaunternehmen dagegen ist eine fertig zugelassene DiGA ein vergleichsweise günstiger Vertriebskanal zu ihren bestehenden Patientengruppen. Die Konsolidierung dürfte sich beschleunigen.

Neue Regeln ab 2026: Leistung entscheidet über Vergütung

Seit Februar 2026 gelten für DiGA-Hersteller verschärfte Anforderungen. Bis zu 20 Prozent der Vergütung sind nun an nachgewiesene Behandlungserfolge gekoppelt – die sogenannte anwendungsbegleitende Erfolgsmessung (AbEM)[4]. Hersteller müssen kontinuierlich erfassen, wie intensiv Patienten ihre App tatsächlich nutzen und welche Ergebnisse sich zeigen. Apps, die schlecht genutzt werden oder keinen messbaren Effekt zeigen, erhalten weniger Erstattung – was den wirtschaftlichen Druck weiter erhöht.

Parallel hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Listungsanforderungen verschärft. DiGAs ohne ausreichenden Nutzensnachweis nach der Erprobungsphase werden aus dem Verzeichnis entfernt. Von einst rund 72 gelisteten Anwendungen sind derzeit noch etwa 59 im Verzeichnis – 50 dauerhaft, 9 noch in der Erprobung[1].

Was das für Patienten bedeutet

Wer eine DiGA verschrieben bekommt oder sich dafür interessiert, sollte vor dem Start prüfen, ob die Anwendung noch aktiv im Verzeichnis gelistet ist. Das BfArM-Verzeichnis unter diga.bfarm.de ist die maßgebliche Quelle – dort ist der aktuelle Status jeder App einsehbar.

Grundsätzlich gilt: Je länger eine DiGA bereits dauerhaft gelistet ist und je höher ihre Verordnungszahlen, desto stabiler ist in der Regel ihre Marktposition. Neu eingetragene Anwendungen in der Erprobungsphase tragen ein höheres Risiko. Auf bestes.com finden Patienten eine unabhängige Übersicht über digitale Gesundheitsanwendungen und weitere digitale Therapieangebote – kuratiert und aktuell gehalten.


Quellen:
[1] Sifted: "DiGA promised German digital health startups access to 73m patients." sifted.eu. https://sifted.eu/articles/diga-promised-german-healthtechs-access-to-73m-patients-but-insurer-roadblocks-and-slow-adoption-are-limiting-its-potential
[2] Rebmann Research: "Führt die DiGA-Preisgestaltung zu Insolvenzen?" rebmann-research.de, 2023. https://www.rebmann-research.de/fuehrt-die-diga-preisgestaltung-zu-insolvenzen
[3] HealthCapital: "Bayer acquires HiDoc Technologies and Cara Care app." healthcapital.de, 2025. https://www.healthcapital.de/en/news/article/bayer-acquires-hidoc-technologies-and-cara-carer-app-for-irritable-bowel-syndrome/
[4] ad-hoc-news.de: "DiGA-Markt 2026: Leistung entscheidet über Vergütung." 2026. https://www.ad-hoc-news.de/boerse/news/ueberblick/diga-markt-2026-leistung-entscheidet-ueber-verguetung/68641416
[5] Investec Business Advisory: "Digital health applications (DiGA) in Germany." investec.com. https://www.investec.com/advisory/digital-health-applications-diga-in-germany/