Chronotyp und Herzinfarkt: Harvard-Studie zeigt 16 Prozent Mehrrisiko für Nachteulen
Wer spät schläft, lebt ungesunder – das ist keine neue Erkenntnis. Dass der eigene Chronotyp aber direkt mit dem Herzinfarkt-Risiko zusammenhängt, zeigt eine der bisher größten Studien zum Thema: Eine Untersuchung mit mehr als 300.000 Teilnehmenden der Harvard Medical School belegt, dass sogenannte Nachteulen ein um 16 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall tragen als Menschen des mittleren Schlaftyps. [1]
Gleichzeitig ist ein Großteil dieses Mehrrisikos durch veränderbare Gewohnheiten erklärbar – was Betroffenen konkrete Handlungsmöglichkeiten gibt.
## Was ist der Chronotyp – und warum ist er relevant?
Der Chronotyp beschreibt die individuelle biologische Neigung, zu bestimmten Tageszeiten aktiv oder schläfrig zu sein. Er wird maßgeblich durch die innere Uhr – den circadianen Rhythmus – gesteuert und ist zu einem großen Teil genetisch bedingt.
Grob eingeteilt gibt es drei Typen:
- Morgentypen (Lerchen): Werden früh aktiv, schlafen früh ein
- Abendtypen (Eulen): Werden spät aktiv, können schwer früh aufstehen
- Zwischentypen: Die Mehrheit der Bevölkerung
Etwa 25 bis 30 Prozent der Erwachsenen zählen sich zu den Abendtypen, sogenannten Eulen. Problematisch wird das vor allem, wenn der Alltag – Arbeit, Schule, soziale Verpflichtungen – einen frühen Start erzwingt. Dieses Missverhältnis zwischen innerer Uhr und sozial gefordertem Rhythmus nennt sich sozialer Jetlag.
## Die Harvard-Studie: 300.000 Menschen, klare Signale
Für die Untersuchung analysierten Forschende der Harvard Medical School in Boston Daten von über 300.000 Teilnehmenden, die zu ihrem Schlaftyp befragt und über Jahre nachverfolgt wurden. [1]
Die wichtigsten Ergebnisse:
- Abendtypen hatten im Vergleich zu mittleren Chronotypen ein um 16 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall
- Eulen hatten eine um 79 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für schlechte kardiovaskuläre Gesundheitswerte insgesamt
- Frauen mit spätem Chronotyp waren stärker betroffen als Männer [1]
Der Zusammenhang blieb auch nach Bereinigung um andere Risikofaktoren wie Alter, Gewicht und Begleiterkrankungen bestehen.
## Warum schaden späte Schlafzeiten dem Herzen?
Die Forschenden sehen mehrere Erklärungsansätze:
Sozialer Jetlag: Eulen, die werktags früh aufstehen müssen, schlafen chronisch zu wenig. Schlafmangel erhöht Entzündungsmarker im Blut, verschlechtert die Insulinsensitivität und erhöht den Blutdruck – alles bekannte Herzrisikofaktoren.
Ungünstiger Lebensstil: Abendtypen essen häufiger zu späten Stunden, greifen öfter zu Alkohol und Zigaretten und bewegen sich im Schnitt weniger als Morgentypen. Diese Verhaltensweisen erklären einen erheblichen Anteil des Herzrisikos. [1]
Circadiane Fehlregulation: Der menschliche Organismus ist darauf ausgelegt, nachts zu regenerieren. Wer regelmäßig gegen seine innere Uhr lebt, stört diesen Regenerationsprozess – mit Auswirkungen auf Herzrhythmus, Hormonspiegel und Blutgefäße. Aktuelle Daten der Deutschen Herzstiftung zeigen, dass unregelmäßiger Schlafrhythmus das Risiko für Herzrhythmusstörungen erhöht.
## Gute Nachrichten: Das Risiko ist beeinflussbar
Die Studie liefert auch ermutigende Erkenntnisse: Ein großer Teil des erhöhten Herzrisikos bei Eulen ist auf veränderbare Faktoren zurückzuführen – insbesondere Rauchen, Schlafqualität und Bewegung. Das bedeutet: Wer seinen Lebensstil anpasst, kann sein Risiko trotz des späten Chronotyps deutlich senken. [1]
Die Herzstiftung empfiehlt für Abendtypen unter anderem:
- Schlafrhythmus stabilisieren: Zu ähnlichen Zeiten schlafen gehen, auch am Wochenende. Das reduziert sozialen Jetlag.
- Lichtexposition nutzen: Helles Licht am Morgen verschiebt die innere Uhr in Richtung früherer Aktivität.
- Spätmahlzeiten reduzieren: Abendessen spätestens zwei bis drei Stunden vor dem Schlafengehen, da der Stoffwechsel nachts langsamer arbeitet.
- Bewegung: Wer regelmäßig Sport treibt, hat unabhängig vom Chronotyp deutlich bessere Herzgesundheitswerte.
## Schlaf und Herzgesundheit: Was die Daten zeigen
Neben dem Chronotyp beeinflusst auch die reine Schlafdauer das Herzrisiko. Die Deutsche Herzstiftung empfiehlt sieben bis neun Stunden Schlaf pro Nacht für Erwachsene. Wer dauerhaft unter sechs Stunden schläft, hat nachweislich ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung und Herzrhythmusstörungen.
Eine im European Journal of Preventive Cardiology veröffentlichte Studie zeigt: Bereits elf Minuten mehr Schlaf pro Nacht, kombiniert mit leichter Bewegungszunahme, kann das Herzrisiko um messbare Prozentpunkte senken. Der Effekt war besonders deutlich bei Personen mit vorbestehendem schlechtem Schlafprofil.
## Kann man seinen Chronotyp dauerhaft verschieben?
Der Chronotyp ist teilweise genetisch festgelegt – vollständig umprogrammieren lässt er sich nicht. Aber er ist formbar. Studien zeigen, dass konsequente Maßnahmen die innere Uhr um ein bis zwei Stunden verschieben können:
- Feste Schlaf- und Aufstehzeiten – auch am Wochenende, auch wenn man noch müde ist
- Morgendliches Tageslicht (mindestens 20–30 Minuten im Freien) – das stärkste Signal für die innere Uhr
- Koffein: Nicht nach 14 Uhr trinken, da Koffein den Schlaf-Wach-Rhythmus um Stunden verzögert
- Bildschirme abends reduzieren: Blaues Licht hemmt die Melatonin-Produktion und signalisiert dem Gehirn: noch nicht Nacht
Für Menschen mit stark ausgeprägtem Abend-Chronotyp gibt es zudem die Möglichkeit, im Gespräch mit dem Arzt oder der Arbeitgeberin auf flexible Arbeitszeiten oder Gleitzeit hinzuwirken – um den sozialen Jetlag zu minimieren.
## Was Nachteulen beim Arzt ansprechen sollten
Wer sich als ausgeprägter Abendtyp identifiziert und zusätzliche Herzrisikofaktoren hat – wie Übergewicht, Rauchen, erhöhter Blutdruck oder familiäre Vorbelastung – sollte das beim Arztbesuch thematisieren. Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker lassen sich im Rahmen des Check-up 35 überprüfen. Ab 35 Jahren übernimmt die GKV diese Untersuchung alle drei Jahre kostenlos.
Der Chronotyp allein ist kein Schicksalsurteil. Die Studie zeigt, dass informierte Entscheidungen im Alltag – bei Schlaf, Ernährung, Bewegung und Rauchen – den Unterschied machen können.
Gesundheits-Apps und Präventionsangebote für bessere Herzgesundheit findest du auf bestes.com.
---
**Quellen:**
[1] Spektrum der Wissenschaft, 2024: "Chronotyp: Nachteulen haben häufiger Herzprobleme." Harvard-Studie mit 300.000 Teilnehmenden. https://www.spektrum.de/news/chronotyp-nachteulen-haben-haeufiger-herzprobleme/2307167
[2] Deutsche Herzstiftung: "Herzkrank durch schlechten Schlaf?" https://herzstiftung.de/ihre-herzgesundheit/gesund-bleiben/herzgesundheit-im-alltag/schlaf-herz
[3] Apotheken Umschau: "Schlafrhythmus: Nachteulen mit schlechterer Herzgesundheit." https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/herz-kreislauf-erkrankungen/schlafrhythmus-nachteulen-mit-schlechterer-herzgesundheit-1476105.html
Quelle lesen →