Bluthochdruck: WHO-Bericht 2025 – Behandlungslücke bei Millionen Deutschen
Ein neuer Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2025 macht die globale Dimension des Problems deutlich: Rund 1,28 Milliarden Menschen weltweit leiden an Bluthochdruck – die häufigste Ursache für vorzeitigen Herztod und Schlaganfall. In Deutschland sind laut Hochdruckliga etwa 20 bis 30 Millionen Menschen betroffen, jeder Fünfte weiß nichts von seiner Erkrankung [1]. Gleichzeitig hat die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) im September 2024 ihre überarbeiteten Leitlinien für Hypertonie veröffentlicht – mit strengeren Zielwerten und veränderten Diagnosekriterien [2].
## Warum Bluthochdruck so gefährlich ist
Hypertonie schädigt still und ohne unmittelbare Beschwerden. Der erhöhte Druck in den Blutgefäßen beschleunigt die Arteriosklerose, belastet das Herz und schädigt über Jahre Nieren, Augen und das Gehirn. Die Folgen sind gravierend: Bluthochdruck ist der wichtigste vermeidbare Risikofaktor für Schlaganfall, der häufigste Auslöser von Herzinsuffizienz und eine Hauptursache für chronische Nierenerkrankungen.
Laut Herzbericht 2025 der Deutschen Herzstiftung ist der Herzinfarkt nach wie vor die häufigste Todesursache in Deutschland – bei rund 80 Prozent der Herzinfarkt-Patienten war Bluthochdruck eine wesentliche Vorerkrankung [3].
## Die neue ESC-Leitlinie 2024: Was sich ändert
Die im September 2024 veröffentlichte ESC-Leitlinie zur Hypertonie bringt mehrere wichtige Änderungen. Der Schwellenwert für die Diagnose "erhöhter Blutdruck" sinkt auf 120/70 mmHg – damit gelten mehr Menschen als behandlungsbedürftig. Die Grenze für manifeste Hypertonie bleibt bei 140/90 mmHg.
Wichtigste Neuerung: Der Zielwert für die Behandlung wird für Patienten unter 65 Jahren auf unter 120–129 mmHg systolisch gesenkt. Grundlage ist die SPRINT-Studie, die zeigte, dass eine intensive Blutdrucksenkung auf unter 120 mmHg kardiovaskuläre Ereignisse um 25 Prozent reduziert [2]. Für ältere und fragile Patienten gelten weiterhin individuellere Ziele zwischen 130 und 140 mmHg systolisch.
"Selbstmessung zu Hause ist jetzt gleichwertig mit der Messung in der Praxis", erklärt die ESC-Leitlinie [2]. Heimblutdruckmessungen über 7 Tage morgens und abends werden als Referenzstandard empfohlen – sie vermeiden den "Weißkitteleffekt", bei dem der Blutdruck in der Arztpraxis artifiziell ansteigt.
## Die Behandlungslücke in Deutschland
Trotz gut entwickelter Therapieoptionen bleibt die Versorgungslage unbefriedigend. Aktuelle Daten zeigen: In Deutschland erreichen bis zu 9 Millionen Patienten die Zielblutdruckwerte nicht – obwohl sie bereits unter Behandlung stehen. Jeder zehnte Betroffene mit gesicherter Diagnose erhält überhaupt keine Therapie [1].
Ein 2025 veröffentlichter Artikel im Fachblatt Die Nephrologie bezeichnete die Umsetzungslücke zwischen Leitlinie und Praxis als "strukturelles Problem des deutschen Gesundheitssystems". Hausärzte sind zwar erste Anlaufstelle, haben aber oft zu wenig Zeit für die intensive Begleitung von Mehrfachmedikation und Lebensstilinterventionen [4].
## Selbstmessung: Wann und wie
Die Deutsche Hochdruckliga empfiehlt Blutdruckmessungen zweimal morgens vor der Einnahme von Medikamenten und zweimal abends vor dem Schlafengehen – an mindestens 4 aufeinanderfolgenden Tagen, besser 7. Wichtig: 5 Minuten ruhig sitzen, beide Arme in Erstmessung vergleichen (bei dauerhaftem Unterschied > 10 mmHg Arzt informieren), keine Kaffee oder körperliche Aktivität kurz vor der Messung.
Werte über 135/85 mmHg bei Heimmessung gelten als Bluthochdruck – der Schwellenwert liegt niedriger als bei Praxismessungen (140/90), weil Heimwerte im Schnitt um 5 mmHg niedriger sind.
## Lebensstil: Was nachweislich wirkt
Für Patienten mit leicht erhöhtem Blutdruck (130–139/80–89 mmHg) und geringem kardiovaskulärem Risiko empfiehlt die ESC-Leitlinie zunächst Lebensstilmaßnahmen für 3 bis 6 Monate:
- **Salzreduktion:** 5 g täglich (entspricht ca. 1 TL), senkt systolischen Wert um 4–8 mmHg [2]
- **DASH-Diät:** obst- und gemüsereiche Kost, wenig gesättigte Fette – senkt Blutdruck um bis zu 11 mmHg
- **Bewegung:** 150 Minuten moderate Ausdauerbelastung pro Woche, senkt systolisch um 4–9 mmHg
- **Alkohol:** auf maximal 1 Einheit täglich reduzieren
- **Gewichtsreduktion:** –1 kg Körpergewicht senkt systolisch um ca. 1 mmHg
## Hypertoniker im Verborgenen: Warum Screening wichtig ist
Ein zentrales Problem ist die hohe Rate an undiagnostizierten Betroffenen. Bluthochdruck verursacht über Jahre keine Beschwerden – weshalb er als "stiller Killer" gilt. Kopfschmerzen, die oft mit hohem Blutdruck assoziiert werden, treten typischerweise erst bei sehr hohen Werten (hypertensive Krise > 180/110 mmHg) auf. Deshalb empfehlen Leitlinien regelmäßiges Blutdruck-Screening:
- Ab 18 Jahren alle 3–5 Jahre bei normalem Blutdruck
- Ab 40 Jahren oder bei Risikofaktoren (Übergewicht, Rauchen, Diabetes, Familienanamnese) jährlich beim Hausarzt
- Bei Werten zwischen 130/85 und 139/89 mmHg: alle 12 Monate messen
Blutdruck-Apps auf Smartphone oder Smartwatch sind kein zuverlässiger Ersatz für klinisch validierte Blutdruckmessgeräte am Oberarm. Die Deutsche Hochdruckliga pflegt eine Liste zugelassener Geräte.
## Medikamente: Wann sind sie nötig?
Bei gesicherter Hypertonie (≥ 140/90 mmHg in der Praxis, ≥ 135/85 mmHg bei Heimmessung) empfiehlt die neue Leitlinie frühzeitige medikamentöse Therapie, möglichst als Kombination zweier Wirkstoffe von Beginn an. Bewährt haben sich ACE-Hemmer oder Sartane (Angiotensin-II-Antagonisten) plus Kalziumantagonisten und/oder Thiazid-Diuretika.
Die Therapie ist langfristig – wer Blutdruckmittel absetzt, riskiert schnell einen Rebound-Anstieg. Regelmäßige Kontrollen alle 3 bis 6 Monate sind Standard, bei stabilen Werten reichen jährliche Checks.
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**Quellen:**
[1] Deutsche Hochdruckliga (DHL): Bluthochdruck in Zahlen. hochdruckliga.de/presse/informationen/bluthochdruck-in-zahlen | WHO-Bericht 2025: hochdruckliga.de/nachricht/who-bericht-2025-ist-da
[2] ESC-Leitlinie 2024: Erhöhter Blutdruck und Hypertonie (Pocket-Version). leitlinien.dgk.org/2025/pocket-leitlinie-erhoehter-blutdruck-und-hypertonie-version-2024/ | deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2024/09/05/erhoehter-blutdruck-ab-120-70-br-neuer-zielwert-unter-129-mmhg
[3] Herzbericht 2025 – Deutsche Herzstiftung. herzstiftung.de/service-und-aktuelles/presse/pressemitteilungen/herzbericht-2025-herzinfarkt-todesursache-nr-1
[4] Hypertonie 2026 – aktuelle Entwicklungen. Die Nephrologie, Springer Nature 2025. link.springer.com/article/10.1007/s11560-025-00897-5
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