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June 23, 2025
Rükenspritzen bei Bandscheibenvorfällen und Wirbelkanalstenose – helfen sie wirklich, oder sind sie überflüssig? Eine neue AWMF S3-Leitlinie, veröffentlicht am 23. Juni 2025, gibt erstmals eine strukturierte, evidenzbasierte Antwort auf diese Frage. Das Ergebnis ist differenzierter als viele erwartet haben: Für bestimmte Patientengruppen sind epidurale Kortison-Injektionen kurzfristig wirksam. Für andere bringen sie wenig. [1]
Über 80 Prozent der Menschen in Deutschland erleben mindestens einmal in ihrem Leben einen Bandscheibenvorfall. Rückenschmerzen sind die häufigste Ursache für Krankschreibungen und einer der teuersten Kostentreiber im Gesundheitssystem. Allein die Wirbelkanalstenose – eine Einengung des Rückenmarkkanals – betrifft in Deutschland mehrere Millionen Menschen, vor allem über 60-Jährige.
Die AWMF S3-Leitlinie „Epidurale Injektionen bei degenerativen Erkrankungen der Wirbelsäule" (Registernummer 151/005) wurde unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) erarbeitet und im Juni 2025 veröffentlicht. S3 ist die höchste Leitlinien-Klasse der AWMF – sie erfordert eine systematische Evidenzrecherche und einen strukturierten Konsensusprozess mehrerer Fachgesellschaften.
Die Leitlinie bewertet erstmals systematisch drei Injektionsverfahren entlang der gesamten Wirbelsäule: transforaminale Injektionen (durch das Nervenloch), interstitielle perineurale Injektionen und kaudale Injektionen (über den Steiß). [1]
Hauptergebnis: Transforaminale epidurale Injektionen bei lumbaler Radikulopathie (Ischiasschmerzen durch Nervenwurzelkompression) werden mit starker Empfehlung befürwortet – mit oder ohne Kortison. Bei lumbaler Spinalkanalstenose gibt es eine moderate Empfehlung. Für zervikale Radikulopathie (HWS) sind die Daten schwächer; hier ist besondere Vorsicht wegen Komplikationsrisiken geboten. [1]
Bandscheibenvorfall (Prolaps): Die Bandscheibe besteht aus einem weichen Kern (Nucleus pulposus) und einem faserigen Ring (Anulus fibrosus). Wenn der Ring reißt, tritt der Kern aus und drückt auf Nervenwurzeln oder Rückenmark. Die häufigsten Stellen: L4/L5 und L5/S1 in der Lendenwirbelsäule (typisch: Ischiasbeschwerden mit Ausstrahlungen ins Bein), C5/C6 und C6/C7 in der Halswirbelsäule (Schmerzen in Arm und Schulter).
Wirbelkanalstenose: Durch Verschleiß (Arthrose, Osteophyten, verdickte Bänder) wird der Spinalkanal enger. Das typische Symptom heißt neurogene Claudicatio – Schmerzen und Schweregefühl in den Beinen beim Gehen, die sich beim Stehen verschlimmern und im Sitzen (leicht gebeugte Haltung weitet den Kanal) nachlassen. Ein Unterschied zum arteriellen Schaufensterkranz: Beim Radfahren sind Betroffene oft beschwerdefrei.
Epidurale Injektionen – meist mit Kortison (Kortikosteroid) und einem Lokalanästhetikum – wirken nicht kausal. Sie lösen den Bandscheibenvorfall nicht auf und erweitern keinen verengten Kanal. Ihr Vorteil liegt in der raschen Schmerzreduktion, die physiotherapeutisches Üben und Alltagsaktivität erst ermöglicht.
Die neue Leitlinie empfiehlt: Bei lumbaler Radikulopathie (Ischiasschmerzen durch Bandscheibenvorfall oder Stenose) kann eine transforaminale Injektion kurzfristig signifikant wirksam sein – insbesondere wenn konservative Therapie allein nicht ausreicht. Langfristig (nach sechs bis zwölf Monaten) sind die Ergebnisse ähnlich wie ohne Injektion. [1]
Wichtig: Injektionen sollten immer in ein Gesamtbehandlungskonzept eingebettet sein – mit Physiotherapie, Schmerzmitteln und Aufklärung.
Für die große Mehrheit der Betroffenen gilt: 85 bis 90 Prozent der Bandscheibenvorfälle heilen ohne Operation aus. Die Evidenz spricht klar für einen aktiven Ansatz:
Bewegen, nicht schonen: Bettruhe verlängert die Schmerzdauer. Spazierengehen, Radfahren, Schwimmen und gezielte Physiotherapie beschleunigen die Genesung.
Physiotherapie: Spezifische Techniken wie die McKenzie-Methode helfen, die Schmerzquelle zu identifizieren und durch Bewegung zu entlasten. Manuelle Therapie kann bei Blockierungen lindern.
Schmerzmittel: Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR: Ibuprofen, Diclofenac) sind Mittel der ersten Wahl. Bei Nervenschmerzen (brennend, einschießend) kommen Pregabalin oder Gabapentin in Betracht. Muskelrelaxantien helfen kurzfristig bei Muskelverspannung.
Multidisziplinäre Schmerztherapie: Bei chronifizierten Beschwerden (über drei Monate) ist ein biopsychosoziales Behandlungskonzept mit Physiotherapie, Psychologie und Schmerzkompetenz nachweislich wirksamer als eine rein körperliche Behandlung.
Sofort: Bei Kaudasyndrom – Lähmungen, Blasen- oder Darmstörungen durch massiven Druck auf den Nervenstrang. Das ist ein neurochirurgischer Notfall.
Sinnvoll: Bei therapieresistenten Schmerzen über sechs Wochen trotz konservativer Behandlung, bei progredienter Lähmung (nachlassende Kraft im Fuß oder Bein), bei massiver Einschränkung der Lebensqualität trotz aller konservativen Maßnahmen.
Die SPORT-Studie (NEJM 2006, n=501) zeigte: Patienten mit Bandscheibenvorfall hatten nach zwei Jahren ähnliche Ergebnisse – ob sie sofort operiert wurden oder konservativ behandelt wurden. Die OP brachte schnellere Linderung; langfristig glich sich das aus. [2]
Kann ein Bandscheibenvorfall komplett abheilen? Ja. Der ausgetretene Kern wird vom Körper oft resorbiert – das kann Monate dauern, ist aber bei vielen Patienten nachweisbar. Geduld ist wichtiger als Panik.
Wie gefährlich ist eine epidurale Injektion? Bei korrekter Technik unter Bildkontrolle (Röntgen oder CT) sind schwerwiegende Komplikationen selten. Mögliche Risiken: Infektion, vorübergehende Nervenirritation, selten Nervenschäden. In der HWS ist das Risiko höher; hier sollte die Indikation streng gestellt werden.
Was bringt MRT? Viel – aber kein MRT-Befund bedeutet nicht automatisch Beschwerden. 30 Prozent symptomloser Erwachsener haben im MRT Bandscheibenvorfälle. Die Diagnose verbindet immer Bildgebung und klinisches Bild.
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Quellen: [1] AWMF S3-Leitlinie "Epidurale Injektionen bei degenerativen Erkrankungen" (Reg.-Nr. 151/005), Version 1.0, 23.06.2025. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/151-005 [2] Weinstein JN et al. "Surgical versus Nonoperative Treatment for Lumbar Disk Herniation." NEJM 2006; 354:2451-2460. [3] AWMF S2k-Leitlinie Lumbale Radikulopathie 2021; Deutsche Wirbelsäulengesellschaft (DWG) [4] Cochrane Reviews Rückenschmerz und epidurale Kortikosteroide
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