Im Jahr 2025 sind die bei der AOK versicherten Beschäftigten im Durchschnitt 23,3 Tage krankheitsbedingt ausgefallen. Das ist ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr mit 23,9 Fehltagen, wie das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) in seiner aktuellen Fehlzeiten-Bilanz dokumentiert [1]. Doch der Rückgang täuscht über ein strukturelles Problem hinweg: Psychische Erkrankungen treiben Langzeitausfälle weiter auf historische Höchstwerte und bleiben der größte Kostenfaktor im deutschen Arbeitsmarkt.

Langer Trend mit klarer Richtung

Die Ausfalltage wegen psychischer Erkrankungen sind in den vergangenen zehn Jahren um 43 Prozent gestiegen – deutlich schneller als andere Diagnosegruppen [1]. Wer wegen einer psychischen Erkrankung krankgeschrieben wird, fehlt im Schnitt 28,5 Arbeitstage je Fall. Das ist mehr als doppelt so lange wie bei körperlichen Erkrankungen und macht psychische Diagnosen zum mit Abstand teuersten Bereich für Betriebe und Krankenkassen [1]. Zum Vergleich: Muskel-Skelett-Erkrankungen, seit Jahrzehnten der häufigste Fehlzeitengrund, kommen im Schnitt auf 14,2 Tage je Fall.

Dass der Gesamtkrankenstand 2025 leicht sank, liegt vor allem an weniger Atemwegserkrankungen nach dem Spitzenjahr 2024. Die Zahl der Langzeiterkrankungen – definiert als Arbeitsunfähigkeiten von mehr als sechs Wochen – stieg hingegen weiter an [1]. Genau dort spielen psychische Erkrankungen ihre schwerste Wirkung aus.

Depressionen: Mehr als eine Woche Fehltage pro Versichertem

Besonders präzise zeigen das die Daten des DAK-Psychreports, der die 2024er Zahlen ausgewertet hat: Allein Depressionen und Belastungsreaktionen verursachten 122 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 versicherte Beschäftigte [2]. Sieben Prozent aller Beschäftigten hatten im Jahr 2024 mindestens einmal eine psychisch bedingte Krankschreibung – bei Frauen war die Rate mit 431 Fehltagen je 100 Versicherter deutlich höher als bei Männern mit 266 [2]. Der Psychreport zeigt zudem, dass Depressionen und Anpassungsstörungen erstmals die Muskel-Skelett-Erkrankungen als zweithäufigste Ursache für Arbeitsausfälle verdrängt haben.

Zu diesen Zahlen passen Daten aus dem stationären Bereich: Psychische Störungen sind mittlerweile der häufigste Grund für Langzeitkrankschreibungen und Frühberentungen in Deutschland, wie das Ärzteblatt unter Berufung auf Kassendaten berichtet [3].

Besonders betroffen: Pflegeberufe und soziale Arbeit

Innerhalb der Berufsgruppen zeigen sich deutliche Unterschiede. Beschäftigte in Kitas und in der Altenpflege hatten 2024 pro Kopf 5,3 Psych-Fehltage – 65 Prozent mehr als der Gesamtdurchschnitt aller Berufsgruppen [3]. Auch Sozialarbeit, Erziehungsberufe und der Gesundheitspflegebereich gehören zu den Branchen mit überdurchschnittlich hohen Belastungswerten. Der DAK-Report macht als Hauptursachen Arbeitsverdichtung, mangelnde Autonomie und unklare Rollenerwartungen aus – allesamt Faktoren, die sich durch kurzfristige Personalmaßnahmen allein nicht lösen lassen [2].

Auffällig ist außerdem die regionale Spreizung: In ostdeutschen Bundesländern liegen die psychisch bedingten Fehlzeiten strukturell höher als im Bundesschnitt, was Experten auf die Kombination aus dünnerer Versorgungsinfrastruktur und stärkerer Belastung in systemrelevanten Berufen zurückführen.

Warum Früherkennung und digitale Angebote an Bedeutung gewinnen

Die Versorgungsrealität hält mit dem Ausmaß der Belastungen kaum Schritt. Wer einen ambulanten Psychotherapieplatz benötigt, wartet im Bundesdurchschnitt bis zu 19 Wochen auf einen Ersttermin bei einer Verhaltenstherapeutin oder einem Psychotherapeuten, in ländlichen Regionen deutlich länger. In dieser Wartephase bleibt die Erkrankung oft unbehandelt, was Langzeitausfälle verlängert und das Rückfallrisiko erhöht.

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) für psychische Erkrankungen versuchen, diese Lücke zu schließen. Mit 28,3 Prozent aller DiGA-Verordnungen ist der psychische Bereich die größte Indikationsgruppe im BfArM-Verzeichnis [3]. Apps wie deprexis oder Selfapy sind explizit für die Überbrückung von Wartezeiten oder als Ergänzung zur laufenden Therapie zugelassen – beide sind als DiGA gelistet und damit per GKV-Rezept kostenlos erhältlich. Der G-BA hat zudem das Antrags- und Gutachterverfahren in der Psychotherapie digitalisiert, was Praxen und Patienten administrative Wege erleichtert [3].

Für Arbeitgeber ergibt sich daraus ein doppeltes Interesse: Früherkennung und niedrigschwellige Unterstützungsangebote können Langzeitausfälle verringern – und damit auch die wirtschaftlichen Folgekosten. Laut einer Berechnung des Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung kostet ein einziger Langzeitausfall wegen Burnout oder Depression den Arbeitgeber durchschnittlich mehr als 25.000 Euro, wenn Produktivitätsverluste, Vertretungskosten und mögliche Frühberentung eingerechnet werden. Die WIdO-Bilanz macht deutlich: Dieser Punkt ist keine Zukunftsaufgabe mehr, sondern dominiert bereits heute die Fehlzeitenstatistik – mit steigender Tendenz.

Tipp von Bestes: Auf bestes.com findest du zugelassene Gesundheits-Apps für psychisches Wohlbefinden – von der GKV-erstatteten DiGA bis zur präventiven Tracking-App. Apps für psychische Gesundheit auf bestes.com


Quellen: [1] WIdO – Wissenschaftliches Institut der AOK: „Fehlzeiten-Bilanz 2025: Leichter Rückgang der Krankheitstage, weiterhin hohe Ausfallzeiten wegen Langzeiterkrankungen.“ WIdO, 2026. https://www.wido.de/news-presse/pressemitteilungen/2026/fehlzeiten-bilanz-2025-leichter-rueckgang-der-krankheitstage-weiterhin-hohe-ausfallzeiten-wegen-langzeiterkrankungen/ [2] DAK-Gesundheit: „DAK-Psychreport 2025: Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt.“ DAK, 2025. https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/psychreport-2025_91766 [3] Deutsches Ärzteblatt: „Höchststand bei Arbeitsausfällen wegen psychischer Erkrankungen.“ Ärzteblatt, 2026. https://www.aerzteblatt.de/news/hoechststand-bei-arbeitsausfaellen-wegen-psychischer-erkrankungen-0e7dd559-c831-4ae2-9fc6-fc864fd2b469