Von Redaktion

Antibiotikaresistenz in Deutschland: Verbrauch stieg um 9,5 Prozent

Antibiotikaverbrauch in Deutschland stieg 2019–2024 um 9,5 Prozent. Warum das gefährlich ist, wann Antibiotika wirklich nötig sind und was jeder tun kann.

Nach einem kurzen Rückgang in der Corona-Zeit steigt der Antibiotikaverbrauch in Deutschland wieder. Von 2019 bis 2024 wuchs er um 9,5 Prozent – so neue Daten des Robert Koch-Instituts. Das ist ein Problem. Denn jedes unnötig eingenommene Antibiotikum bringt resistente Erreger einen Schritt näher an uns heran.

Warum Antibiotikaresistenz alle betrifft

Antibiotika sind die wirksamste Waffe der Medizin gegen bakterielle Infektionen. Lungenentzündung, Blutvergiftung, infizierte Wunden – ohne Antibiotika wären viele dieser Erkrankungen tödlich. So wie sie es vor hundert Jahren noch waren.

Das Problem: Je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, desto mehr Gelegenheit haben Bakterien, Resistenzen zu entwickeln. Ein resistentes Bakterium lässt sich vom Antibiotikum nicht mehr abtöten – die Infektion bleibt unbehandelt. In der EU sterben jährlich rund 35.000 Menschen an Infektionen mit resistenten Erregern. Die Weltgesundheitsorganisation stuft Antibiotikaresistenz als eine der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit ein.

Was die deutschen Zahlen sagen

Der Gesamtverbrauch von Antibiotika in Deutschland lag 2024 bei 13,8 DDD je 1000 Einwohner und Tag. Das ist eine Maßeinheit für Verordnungsmengen. 2023 waren es 13,3 – ein Anstieg von knapp vier Prozent innerhalb eines Jahres. Gegenüber 2019 ist es ein Plus von 9,5 Prozent.

Die Corona-Pandemie hatte die Zahlen kurzzeitig gesenkt. Weniger Sozialkontakte bedeuteten weniger Infektionen, weniger Arztbesuche, weniger Verschreibungen. Jetzt kehrt der Verbrauch zurück auf altes Niveau – und steigt weiter.

Wann Antibiotika wirklich nötig sind

Erkältungen, Schnupfen und die meisten Halsentzündungen werden durch Viren verursacht. Gegen Viren helfen Antibiotika nicht – trotzdem werden sie dafür zu häufig verschrieben. Das haben internationale Studien immer wieder gezeigt.

Antibiotika helfen bei: bakteriellen Lungenentzündungen, unkomplizierten Harnwegsinfekten, Borrelien-Infektionen (nach Zeckenstich), Streptokokken-Angina (Nachweis per Schnelltest), schwereren Hautinfektionen und Sepsis.

Ob eine Infektion bakteriell oder viral ist, lässt sich oft nicht auf Anhieb sagen. Ein Arztbesuch hilft bei der Einschätzung. In manchen Praxen gibt es schnelle Bluttests (CRP, PCT), die innerhalb von Minuten zeigen, ob der Körper auf eine bakterielle Infektion reagiert.

Was man selbst tun kann

Antibiotika nur nehmen, wenn der Arzt sie verschreibt und eine bakterielle Infektion wahrscheinlich ist. Die Einnahme immer vollständig abschließen, auch wenn es nach zwei Tagen schon besser geht. Wer zu früh aufhört, tötet vielleicht nur die schwächsten Bakterien – die widerstandsfähigen überleben und können sich vermehren.

Reste von Antibiotika gehören nicht in den Hausmüll oder die Toilette, sondern in die Apotheke zurück. Antibiotika im Abwasser fördern die Entstehung resistenter Keime in der Umwelt.

Was Resistenz konkret bedeutet

Ein resistentes Bakterium ist eines, gegen das ein Antibiotikum nicht mehr wirkt. Das entsteht durch Evolution: Wenn ein Antibiotikum Bakterien tötet, überleben jene, die durch Zufall eine schützende Mutation tragen. Diese vermehren sich – und die nächste Generation ist resistent.

Der Prozess ist natürlich und unvermeidlich. Das Problem ist die Geschwindigkeit: Zu viel Antibiotikaverbrauch – in der Humanmedizin, aber auch massiv in der Tiermast – beschleunigt diese Evolution dramatisch. Heute scheitern Antibiotika bei einer wachsenden Zahl von Infektionen, die früher problemlos behandelbar waren: Harnwegsinfekte, Lungenentzündungen, Wundinfektionen nach Operationen.

Warum Deutschland über dem EU-Durchschnitt liegt

Deutschland hat im EU-Vergleich einen mittleren Antibiotikaverbrauch – Länder wie Griechenland, Rumänien und Spanien liegen deutlich höher. Dennoch ist der Anstieg um 9,5 Prozent in Deutschland besorgniserregend, weil er nach Jahren der Stabilisierung kommt. Analysten vermuten, dass die COVID-19-Pandemie bakterielle Co-Infektionen häufiger gemacht hat, und dass Atemwegsinfekte nach der Pandemiephase intensiver verlaufen – was mehr Verschreibungen auslöst.

Was jeder Einzelne tun kann

Antibiotika nur nehmen, wenn der Arzt sie verschreibt – nicht auf Vorrat. Eine angefangene Antibiotikakur immer vollständig beenden, auch wenn man sich früher besser fühlt. Antibiotika-Reste nicht in den Ausguss kippen (Apotheke zurückgeben). Und: Viele Erkältungen und Halsentzündungen sind viral – gegen Viren helfen Antibiotika nicht. Den Arzt gezielt fragen, ob ein Antibiotikum wirklich nötig ist, ist kein Misstrauen, sondern medizinisch sinnvoll. Der Kampf gegen Antibiotikaresistenz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deutschland hat mit seiner nationalen Antibiotika-Strategie DART 2030 klare Ziele formuliert: Verbrauch senken, Resistenz-Surveillance ausbauen, neue Wirkstoffe fördern. Jede eingesparte unnötige Verschreibung ist ein kleiner Beitrag zu diesem Ziel – und ein großer für die Wirksamkeit der Medizin der nächsten Generation.

Häufige Fragen

Wann brauche ich wirklich ein Antibiotikum?
Bei nachgewiesenen oder klar wahrscheinlichen bakteriellen Infektionen. Erkältungen brauchen fast nie ein Antibiotikum – auch wenn sie sich schlimm anfühlen.

Macht ein einmaliges Antibiotikum mich resistent?
Nein, aber es beeinflusst das Darmmikrobiom und kann zur Selektion resistenter Keime beitragen. Das Risiko ist gering bei seltener Einnahme.

Gibt es neue Antibiotika in Entwicklung?
Ja – aber deutlich zu wenige. Die Entwicklung ist für Pharmaunternehmen wenig profitabel, da neue Antibiotika bewusst sparsam eingesetzt werden sollen.

Was ist die DART 2030?
Die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie mit Zielen bis 2030 – verabschiedet 2023. Sie will Verbrauch und Resistenz messbar senken.

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