Deutschlands Antibiotikaverbrauch ist 2024 um 9,5 Prozent gestiegen. Das meldet das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) im Rahmen des ESAC-Net-Überwachungssystems, das jährlich Verschreibungsdaten aus allen EU-Mitgliedstaaten zusammenführt. Der Anstieg nach Jahren relativer Stabilisierung beunruhigt Infektiologen und Gesundheitsbehörden gleichermaßen.
Warum der Anstieg jetzt kommt
Bis 2019 war Deutschlands Antibiotikaverbrauch rückläufig – Ergebnis von Aufklärungskampagnen, verbesserter Diagnostik und einem gewachsenen Bewusstsein für das Resistenzproblem. Die COVID-19-Pandemie unterbrach diesen Trend. Laut RKI stiegen in den Jahren 2022 und 2023 die Infektionskrankheiten durch Atemwegsviren und Bakterien deutlich an. Die häufigere Verschreibung von Antibiotika bei bakteriellen Superinfektionen nach viralen Erkrankungen gilt als einer der Hauptgründe für den aktuellen Anstieg.
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld. Länder wie Griechenland und Rumänien verbrauchen weiterhin mehr als doppelt so viele Antibiotika pro Kopf. Dennoch ist der absolute Zuwachs bedenklich: Antibiotika wirken nur so lange zuverlässig, wie die Erreger empfindlich für sie sind.
Resistenzen als größte Bedrohung
Jede Antibiotika-Anwendung übt einen Selektionsdruck auf Bakterien aus: Empfindliche Stämme sterben, resistente überleben und vermehren sich. Dieser Mechanismus wird durch den Einsatz in der Tierhaltung verstärkt. Laut WHO gelten antibiotikaresistente Infektionen als eine der größten Gesundheitsbedrohungen des 21. Jahrhunderts – global sterben jährlich über 1,2 Millionen Menschen direkt an resistenten Erregern.
In Deutschland wurden laut ECDC 2024 besonders häufig resistente Staphylococcus-aureus-Stämme (MRSA) sowie resistente Klebsiella-pneumoniae-Isolate nachgewiesen – beides Erreger, die schwere Krankenhaus-Infektionen verursachen können.
Was Patienten und Ärzte jetzt tun sollten
Die Handlungsoptionen sind klar, aber die Umsetzung bleibt schwierig. Für Patienten gilt: Antibiotika nur auf ärztliche Verschreibung nehmen, die Kur vollständig abschließen und Antibiotika keinesfalls bei viralen Infektionen einfordern. Für Ärzte: Schnelltests für Streptokokken und CRP-Schnelltests können helfen, bakterielle von viralen Infektionen zu unterscheiden und unnötige Verschreibungen zu vermeiden.
Das Bundesministerium für Gesundheit hat mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 2030) einen Rahmen gesetzt, der sektorenübergreifend Maßnahmen koordiniert. Der aktuelle Anstieg zeigt jedoch, dass Monitoring und Gegensteuerung kontinuierlich fortgeführt werden müssen, um den Erfolg dieser Bemühungen zu beurteilen.
Tipp: Im Bestes Symptom-Checker kannst du Beschwerden einordnen und prüfen, ob ein Arztbesuch nötig ist – bevor Antibiotika unnötig eingesetzt werden.
Quellen
[1] ECDC/ESAC-Net: „Antimicrobial consumption in the EU/EEA – Annual Epidemiological Report 2024“. ECDC, 2025. ecdc.europa.eu
[2] Robert Koch-Institut: „Antibiotikaresistenz“. RKI, 2025. rki.de
[3] Bundesministerium für Gesundheit: „DART 2030 – Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie“. BMG, 2021. bundesgesundheitsministerium.de
