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February 1, 2026
Wer unter Panikattacken leidet, kennt das Paradoxon: Das Herz rast, die Brust schnürt sich zu – und genau diese Empfindungen lösen die nächste Angstreaktion aus. Eine neue Studie, deren Ergebnisse Anfang 2026 veröffentlicht wurden, zeigt, dass kurzes, intensives Intervalltraining diesen Kreislauf effektiver durchbrechen kann als klassische Entspannungsübungen. Die positiven Effekte hielten in der Untersuchung mindestens 24 Wochen an. [1]
Angststörungen sind die am weitesten verbreitete psychische Erkrankung weltweit. In Deutschland leidet laut dem Gesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts rund jede sechste Person im Laufe ihres Lebens an einer klinisch relevanten Angststörung – das entspricht etwa 12,5 Millionen Menschen. Dennoch sucht weniger als jede vierte betroffene Person professionelle Hilfe. Unbehandelt können Angststörungen chronisch werden, die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und das Risiko für Depressionen deutlich erhöhen.
Die häufigsten Formen: Panikstörung (wiederkehrende, unerwartete Panikattacken mit Herzrasen, Schwindel und Erstickungsgefühl), generalisierte Angststörung (anhaltende Sorgen über viele Lebensbereiche), soziale Phobie (intensive Angst vor sozialer Bewertung) und spezifische Phobien (Höhe, Spinnen, Fliegen).
Die neue Studie fußt auf einem zentralen Prinzip der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT): der interozeptiven Exposition. Das Ziel ist, körperliche Empfindungen wie Herzrasen oder Kurzatmigkeit absichtlich hervorzurufen – und so die Angst vor diesen Empfindungen schrittweise zu überwinden.
Bisher werden dafür oft spezifische Übungen eingesetzt, zum Beispiel Hyperventilation oder das Drehen im Stuhl. Die neue Studie untersuchte, ob kurzes Hochintensitäts-Intervalltraining (HIIT) – also abwechselnde Phasen intensiver körperlicher Belastung und Erholung – eine wirksamere interozeptive Expositionsstrategie darstellt.
Das Prinzip dahinter: Intensive körperliche Belastung erzeugt exakt die Körpersignale, die bei Panikattacken auftreten – schneller Herzschlag, flache Atmung, Schwitzen. Wer diese Empfindungen wiederholt in einem sicheren Kontext erlebt, lernt: Sie sind nicht gefährlich. Die Amygdala – das Angstzentrum im Gehirn – wird schrittweise umprogrammiert. [1]
In der Studie wurden Patienten mit Panikstörung entweder einer Gruppe mit HIIT oder einer Gruppe mit progressiver Muskelentspannung (PMR, klassische Entspannungsmethode) zugeteilt. Das zwölfwöchige Programm bestand aus kurzen, angeleiteten Einheiten.
Das Ergebnis: Die HIIT-Gruppe zeigte eine stärkere Reduktion von Panikattacken und panikbezogener Angst als die Entspannungsgruppe. Besonders bemerkenswert: Die Verbesserungen hielten beim Follow-up nach 24 Wochen noch an, was auf langfristige Effekte hindeutet. Die Autorinnen und Autoren schlussfolgern, dass Intervalltraining als interozeptive Expositionsstrategie ein vielversprechender Ansatz ist – besonders für Patienten, die Hemmungen gegenüber klassischer Expositionstherapie haben. [1]
Cochrane-Evidenz stützt diesen Befund grundsätzlich: Aerobe Bewegung zeigt in mehreren Metaanalysen Effekte auf Angstsymptome, die denen von SSRI oder SNRI ähnlich sind. Ein aktuelles Cochrane-Review 2024 zur KVT bei älteren Erwachsenen mit Angststörungen bestätigt zudem: Psychotherapeutische Interventionen wirken in allen Altersgruppen nachweislich. [2]
Die kognitive Verhaltenstherapie bleibt der am besten belegte Behandlungsansatz für Angststörungen. Kernelemente:
Psychoedukation: Verstehen, wie Angst entsteht und sich aufrechterhält – das allein reduziert bereits die Symptombelastung.
Kognitive Umstrukturierung: Angstauslösende Gedanken erkennen, hinterfragen und durch realistischere ersetzen. „Mir passiert gerade etwas Schlimmes" → „Das ist eine Panikattacke. Sie ist unangenehm, aber nicht gefährlich."
Expositionstherapie: Die Konfrontation mit Angstsituationen – schrittweise und ohne Vermeidung – ist das wirksamste Element der KVT. Spezifische Phobien können in wenigen intensiven Sitzungen behandelt werden.
Online-KVT: Programme wie HelloBetter oder Selfapy bieten vergleichbare Wirksamkeit bei generalisierter Angststörung bei deutlich niedrigerer Zugangshürde – ein wichtiger Faktor angesichts der langen Wartezeiten auf Therapieplätze.
SSRIs (Escitalopram, Paroxetin) und SNRIs (Venlafaxin, Duloxetin) sind Erstlinienmedikamente bei Angststörungen. Sie wirken nach zwei bis vier Wochen und sind gut verträglich. Entscheidend: Pharmakotherapie und KVT ergänzen sich – die Kombination ist in der Regel wirksamer als jede Behandlung allein.
Benzodiazepine (Lorazepam, Diazepam) lindern akute Panik schnell, sind aber wegen des Abhängigkeitspotenzials nur für den Krisenfall geeignet und sollten nie dauerhaft verschrieben werden.
Bei therapieresistenten Angststörungen zeigte der DGPPN-Kongress 2025 neue Erkenntnisse: Augmentation mit Quetiapin oder Pregabalin kann bei Nichtansprechen auf Standard-SSRI/SNRI erwogen werden. [3]
Wann ist eine Angststörung behandlungsbedürftig? Wenn die Angst die Alltagsfunktion beeinträchtigt, also zu Vermeidungsverhalten, Rückzug oder Arbeitsausfällen führt. Anhaltende Symptome über mehr als sechs Wochen sollten abgeklärt werden.
Kann Sport wirklich bei Angst helfen? Ja. Regelmäßiges Ausdauertraining senkt das allgemeine Angstniveau nachweislich – vergleichbar mit SSRI bei leichter bis mittlerer Ausprägung. Die Wirkung entsteht über Endorphinausschüttung, Cortisolreduktion und Neuroplastizität.
Wie lange dauert eine KVT? Bei Panikstörung oder spezifischer Phobie oft 12 bis 20 Sitzungen (Kurzzeittherapie). Bei generalisierter Angststörung kann eine Langzeittherapie sinnvoll sein.
Ein gravierendes Problem in Deutschland: Die durchschnittliche Wartezeit auf einen ambulanten Psychotherapieplatz beträgt laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) mehrere Monate – in Städten teils sechs bis neun Monate, auf dem Land noch länger. Psychotherapeutische Sprechstunden bieten eine erste Anlaufstelle; Beratungsstellen der Caritas, Diakonie und kommunalen Träger können überbrücken.
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) auf Rezept: Velibra und HelloBetter Angst & Panik sind als DiGAs zugelassen und werden von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Sie bieten strukturierte KVT-Programme, die der Präsenztherapie in Wirksamkeitsstudien nicht nachstehen.
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Quellen: [1] Biermann Medizin (Feb 2026). "Kurzes, intensives Intervalltraining hilft bei Panikattacken mehr als die Standardtherapie." https://biermann-medizin.de/kurzes-intensives-intervalltraining-hilft-bei-panikattacken-mehr-als-die-standardtherapie/ [2] Cochrane Review 2024. https://www.cochrane.org/evidence/CD007674 [3] Gelbe Liste (DGPPN 2025). https://www.gelbe-liste.de/psychiatrie/strategien-bei-therapieresistenter-angststoerung [4] AWMF S3-Leitlinie Angststörungen 2021; DGPPN; NICE Guidelines Anxiety 2024
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