Angststörungen 2026: Häufigste psychische Erkrankung – warum manche Menschen ständig in Alarmbereitschaft sind
Angststörungen sind die häufigste psychische Erkrankung überhaupt. In Deutschland leiden rund 8 Millionen Menschen darunter (10% der Bevölkerung in ihrem Leben), Frauen doppelt so häufig wie Männer. Angststörungen sind nicht "nur ein schlechtes Gefühl" – sie sind Erkrankungen des Gehirns mit messbaren neurobiologischen Veränderungen.
Formen von Angststörungen (DSM-5-Klassifikation):
1. **Panikstörung**: Plötzliche, intensive Angstattacken (Panikattacken) – Herzrasen, Atemnot, Schwindelgefühl, Todesangst. Dauer meist 5–20 Min. Agoraphophobie (Angst, die Situation nicht verlassen zu können) entwickelt sich bei 50–80% sekundär.
2. **Generalisierte Angststörung (GAD)**: Ständige, schwer kontrollierbare Besorgnis über alltägliche Dinge (Arbeit, Gesundheit, Familie) an ≥180 Tagen/Jahr. Begleitet von Schlafstörungen, Muskelspannung, Konzentrationsproblemen.
3. **Spezifische Phobien**: Intensive, irrationale Angst vor bestimmten Objekten/Situationen (Höhe, Spinnen, Blut, Zahnbehandlung, Fliegen). Häufigste Phobien: Zahnbehandlung (5% Bevölkerung), Höhe, Hunde.
4. **Soziale Phobie**: Angst vor sozialen Situationen, Blickblicken, Kritik. Oft mit Depression komorbid.
5. **Separation Anxiety**: Angst vor Trennung von Bezugspersonen – nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen möglich.
Biologie der Angst – das Gehirn im Alarmmodus:
• Amygdala (Mandelkern) hyperaktiv: Überreaktion auf Bedrohungssignale
• Präfrontaler Kortex unterfunktioniert: Schlechte Angst-Regulation
• HPA-Achse dysreguliert: Cortisol- und ACTH-Überproduktion (Stressprogramm läuft ständig)
• Neurotransmitter: Serotonin-, GABA-, Glutamat-Imbalanzen
• Genetik: 30–40% heritabel
Diagnose: Strukturiertes Screening mit GAD-7-Fragebogen (7 Fragen, Punkte 0–21, ≥10 = positiv). DSM-5 Kriterien, Ausschluss organischer Ursachen (Schilddrüse, Herzkrankheiten, Medikamentennebenwirkungen).
Therapie – First Line evidenzbasiert:
1. **Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)**: Goldstandard, Effektivität 60–80%. Techniken:
- Expositionstherapie: Allmähliche, kontrollierte Konfrontation mit angstmachenden Stimulus → Habituation (Angst nimmt ab).
- Kognitive Umstrukturierung: Identifikation von Fehlannahmen (z.B. "Herzrasen = Herzinfarkt" ist falsch) → rationale Neubewertung.
- Atemtechniken, Entspannungstraining (progressive Muskelentspannung, Yoga).
2. **Medikamentöse Therapie**:
✅ **SSRIs** (erste Wahl): Sertralin, Paroxetin, Citalopram. NNT=7 (d.h. 7 Patienten behandeln, um 1 Remission zu erreichen). Dosierung oft höher als bei Depression (z.B. Sertralin bis 200mg). Latenz 2–4 Wochen bis Wirkung. GKV-Standard.
✅ **SNRIs**: Venlafaxin (SNRI) – schnellere Wirkung als SSRI bei einigen Patienten.
❌ **Benzodiazepine (Diazepam, Alprazolam)**: NICHT zur Langzeitbehandlung! Suchtrisiko, Toleranzentwicklung, kogn. Beeinträchtigung. Nur für akute Krisen 2–4 Wochen, dann absetzen.
✅ **Buspiron**: Azapiron – weniger Nebenwirkungen als SSRI, aber auch weniger Effektivität.
3. **Alternative/Komplementär**:
• Achtsamkeitsbasierte Therapie (Mindfulness): Effektivität ähnlich KVT.
• Sport (aerobes Training 30 Min 3×/Woche): Reduktion Angst 20–30%.
• Pflanzen: Lavendel (Silexan) schwache, aber vorhandene Evidenz. Kava Kava: NICHT empfohlen (Hepatotoxizität).
Kombination KVT + SSRI: Synergetisch, besser als isoliert. Therapie-Dauer: ≥12 Wochen medikamentös vor Umstieg Diagnose "therapieresistent".
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Quelle: S3-Leitlinie "Angststörungen" AWMF 2024, DSM-5, International OCD Foundation, Deutsches Ärzteblatt Psychopharmaka
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