Angststörungen sind die häufigste psychische Erkrankung in Deutschland. Rund acht Millionen Menschen leiden im Laufe ihres Lebens daran – zehn Prozent der Bevölkerung. Frauen erkranken doppelt so häufig wie Männer. Trotz dieser Zahlen und trotz klar wirksamer Therapieoptionen bleibt die Behandlungsrate unbefriedigend niedrig. Das ist das zentrale Fazit, das Fachgesellschaften aus der aktuellen Versorgungssituation ziehen.

Welche Formen von Angststörungen es gibt

Die AWMF-Leitlinie zu Angststörungen (Nr. 051-028, aktualisiert 2023) unterscheidet mehrere Erkrankungsbilder: die generalisierte Angststörung (GAD), die Panikstörung, die soziale Phobie und spezifische Phobien wie Agoraphobie. Allen gemeinsam ist eine übermäßige, chronische Angstreaktion, die über die Situation hinausgeht und den Alltag der Betroffenen erheblich einschränkt.

Was Angststörungen von normaler Angst unterscheidet, ist ihr zeitlicher Verlauf und ihre Intensität: Normale Angst ist adaptiv und verschwindet, wenn die Bedrohung weg ist. Pathologische Angst persistiert auch in sicheren Situationen, eskaliert unvermittelt oder wird durch Objekte und Situationen ausgelöst, die objektiv harmlos sind.

Warum die Behandlungsrate so niedrig ist

Die Versorgungsrealität klaffe weit auseinander mit dem, was evidenzbasiert möglich wäre, so die Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN). Wartezeiten auf ambulante Psychotherapie überschreiten in deutschen Großstädten häufig zwölf Monate. Dazu kommt eine zu späte Diagnosestellung: Im Durchschnitt vergehen laut DGPPN mehrere Jahre zwischen dem Auftreten der ersten Symptome und dem Beginn einer Behandlung.

Ein weiterer Faktor ist Stigmatisierung. Viele Betroffene vermeiden es, über ihre Symptome zu sprechen, oder deuten sie als körperliche Erkrankung. Hausarztpraxen sind häufig die erste Anlaufstelle, aber die Erkennungsrate ist dort heterogen.

Was die Leitlinie empfiehlt

Die AWMF-Leitlinie sieht kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als Methode der ersten Wahl. KVT zeigt bei Angststörungen in kontrollierten Studien große Effektstärken von d = 0,8 bis 1,2. Bei leichten bis mittelschweren Fällen können auch strukturierte Selbsthilfeprogramme – schriftlich oder App-basiert – wirksam sein, sofern sie auf evidenzbasierten KVT-Modulen aufbauen. Wichtig: Diese ersetzen keine Psychotherapie, sondern ergänzen sie oder überbrücken Wartezeiten.

Bei schweren Angststörungen oder Komorbiditäten wie Depressionen werden zusätzlich SSRI oder SNRI eingesetzt. Die Leitlinie betont, dass eine rein medikamentöse Behandlung ohne psychotherapeutische Begleitung in den meisten Fällen nicht ausreicht.

Sport als ergänzende Maßnahme

Für regelmäßige körperliche Aktivität als Begleitmaßnahme liegt eine Cochrane-Metaanalyse von 24 Studien vor. Das Ergebnis: Ausdauertraining dreimal wöchentlich für mindestens 45 Minuten bei mittlerer Intensität reduzierte Angstsymptome signifikant (standardisierte Mittelwertdifferenz SMD −0,55, 95%-Konfidenzintervall −00,76 bis −0,34). Dieser Effekt gilt für leichte bis mittelschwere Fälle – als ergänzende, nicht als alleinige Maßnahme. Er ist biologisch plausibel: Sport erhöht BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor), reguliert die HPA-Achse und reduziert sogenannte Angstsämpling-Reaktionen im präfrontalen Kortex.

Quellen

awmf.org