Herzinfarkt gilt vielen noch immer als Männerkrankheit. Tatsächlich sterben in Deutschland jährlich mehr Frauen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als an allen Krebserkrankungen zusammen – und in absoluten Zahlen mehr als Männer, weil Frauen die ältere Mehrheit der Bevölkerung stellen. Nun fordert die Kardiologin Christina Magnussen in einem Beitrag im Deutschen Ärzteblatt (Januar 2026) eine grundlegende Neuorganisation der Herzmedizin für Frauen.

Warum Frauen schlechter versorgt sind

Das Problem beginnt bei der Erkennung. Frauen erleiden einen Herzinfarkt im Schnitt zehn Jahre später als Männer – häufig in einem Alter, in dem andere Erkrankungen im Vordergrund stehen. Ihre Symptome unterscheiden sich oft vom klassischen Bild: Statt Druck im linken Arm zeigen sie Übelkeit, anhaltende Erschöpfung oder Schmerzen im Kieferbereich, was die Diagnose verzögert. Betroffene selbst und gelegentlich auch medizinisches Personal ordnen diese Signale nicht sofort dem Herzen zu.

Hinzu kommt ein Verhaltensmuster: Frauen suchen häufiger später medizinische Hilfe und tolerieren Beschwerden länger, weil sie Pflegeaufgaben für Familie oder Angehörige übernehmen. Diagnostische Routineuntersuchungen wie Blutfettwerte werden bei Frauen seltener angeboten als bei Männern. In Notfallsituationen beobachtet Magnussen ein weiteres Problem: Laienhelfer zögern bei Frauen öfter mit der Herzdruckmassage – aus Berührungsangsten – obwohl die ersten Minuten über Leben und Tod entscheiden.

Fünf Risikofaktoren, die den Unterschied machen

Mehr als die Hälfte aller Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen lassen sich auf fünf bekannte Risikofaktoren zurückführen, wie Magnussen betont. Dazu zählen Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel – Faktoren, die bei Frauen häufig erst nach dem Einsetzen der Wechseljahre deutlich an Bedeutung gewinnen. Die Hormonveränderungen der Menopause verringern den kardiovaskulären Schutz, den Östrogen über Jahrzehnte geboten hatte.

Besonders unterschätzt ist die Schwangerschaft als Fenster in die spätere Herzgesundheit: Komplikationen wie Präeklampsie oder Schwangerschaftsdiabetes sind keine isolierten Ereignisse, sondern Frühwarnignale für ein erhöhtes lebenslanges Herzrisiko. Laut Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) tragen Frauen mit durchgemachter Präeklampsie ein zwei- bis vierfach erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall im späteren Leben.

Was die Fachleute jetzt fordern

Der Kern der Forderung: Gynäkologie, Kardiologie und Allgemeinmedizin dürfen nicht länger in Silos arbeiten. Herz-Kreislauf-Risiken bei Frauen entstehen über die gesamte Lebensspanne – in der Pubertät, während Schwangerschaften, in der Perimenopause und danach. Kein einzelnes Fachgebiet kann diese Kontinuität allein abbilden.

Konkret schlägt Magnussen vor, ein flächendeckendes "Pregnancy Heart Screening" einzuführen, das bereits während der Schwangerschaft kardiovaskuläre Risiken erfasst und eine Nachsorge bis ins Wochenbett und darüber hinaus sicherstellt. Nach der Menopause sollten standardmäßig Herzgesundheitschecks angeboten werden – ähnlich wie der Krebsvorsorge-Kalender, aber auf das Herz ausgerichtet.

Strukturell empfiehlt die Expertin den Aufbau von rund 30 spezialisierten Frauenherzentren in Deutschland. Diese Zentren sollen fächerübergreifend arbeiten, Langzeitbetreuung bieten und evidenzbasierte Leitlinien zur Behandlung von Herzerkrankungen bei Frauen umsetzen. Zum Vergleich: In der Onkologie gibt es zertifizierte Brustzentren bereits flächendeckend – für die Herzmedizin fehlt eine vergleichbare Infrastruktur bislang.

Was Betroffene heute tun können

Bis solche Strukturen bundesweit bestehen, gilt: Frauen sollten bei unklaren Beschwerden wie anhaltender Erschöpfung, ungewöhnlichem Schwitzen oder Schmerzen in Kiefer, Schultern oder Rücken aktiv das Thema Herz ansprechen – auch wenn kein klassischer Brustschmerz vorliegt. Wer Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie erlebt hat, sollte dies bei künftigen Vorsorgeuntersuchungen erwähnen, damit das Herzrisiko regelmäßig eingeschätzt wird.

Niedergelassene Allgemeinmediziner spielen dabei eine Schlüsselrolle: Als erster Kontaktpunkt können sie Risikofaktoren früh erkennen und an Spezialisten weiterverweisen. Die enge Abstimmung zwischen Hausarztpraxis und den Fachdisziplinen ist deshalb keine optionale Ergänzung, sondern eine Frage der Patientensicherheit.

Tipp: Mit der Bestes Vorsorge-Funktion kannst du deine Herzgesundheits-Checks im Blick behalten und rechtzeitig an Untersuchungen erinnert werden.

Quellen

[1] Deutsches Ärzteblatt, Januar 2026. Christina Magnussen, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. aerzteblatt.de